286 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
Tagen van t'Hoff die Physik als die Lehre von den Ver—⸗
wandlungen der Arbeitsform und die Chemie als die Lehre
von den Verwandlungen der Materie definiert hat, so waren
so scharfe Scheidungen, ganz abgesehen davon, ob sie wirklich
zutreffen, auf Grund der erreichten Erkenntnis noch den Wissen⸗
schaften der ganzen ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kaum
zugänglich.
Treten wir aus dieser allgemeinen Übersicht der natur—
wissenschaftlichen, insbesondere physikal-chemischen Disziplinen
und ihrer historischen Dependenzen im einzelnen in eine erste,
und zwar die zunächst immer noch führende Einzelwissenschaft,
die Physik, über, so stehen wir hier noch während der Zeiten
der Naturphilosophie und noch mehr nach ihnen auf weit über
ein Menschenalter zunächst vor einer Unsumme eifriger Einzel—
arbeit und überraschender Entdeckungen und an sie anknüpfender
Erfindungen, während die Synthese einstweilen vernäachlässigt
wird: es ist eine rein der Erweiterung der Einzelkenntnisse
zugewandte Zeit des Realismus.
Dabei lag es in der Natur der Dinge, daß sich die
Förderung innerhalb dieser Wissenschaft vor allem auf die noch
wenig bekannten Agentien bezog; je bekannter schon ganze
Gruppen von Erscheinungen waren, um so weniger konnte auf
zahlreiche und durchschlagende neue Errungenschaften im ein—
zelnen gerechnet werden.
So ist vor allem die experimentelle Mechanik wenig zu bis
dahin unbekannten Ergebnissen gelangt, während die mathe—
matische Mechanik sich in eine allgemeine Mannigfaltigkeitslehre
aufzulösen begann. Am wichtigsten waren vielleicht, mit Rück—
sicht auf die spätere Erkenntnis der großen Agentien als Formen
von Bewegungen die Studien, welche Wilhelm Weber im Jahre
1825 in Verbindung mit seinem Bruder über die Wellen—
bewegungen in Flüssigkeiten veröffentlichte. Denn erst sie ex⸗
laubten einen wirklichen Einblick in die Natur der Wellen⸗
bewegung.
Schon Lionardo hatte translatorische und undulatorische
Bewegung unterschieden. Dann hatte Galilei die durch Inter—