Full text : Neueste Zeit (Abt. 3)

292 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Erperimenten entgangen sein sollten. Aber man hatte sie von
seiten der Physiker zunächst gleichwohl nicht beachtet, weil der
Stand der Wissenschaft ihre Beachtung nicht aufzudrängen
schien. Es war ein in der Geschichte der Wissenschaften
häufig wiederholter, hier aber besonders lehrreich hervor—
tretender Vorgang. Wissenschaftliche Forschungen können mit
Erfolg nur vorgenommen werden, wenn man den zu unter⸗
suchenden Gegenstand genau begrenzt und also isoliert; dies
Verfahren macht dann aber nicht selten blind für Vorgänge,
deren Beobachtung im Grunde kein Unbefangener unterlassen
würde.
Gehen wir jetzt zur Geschichte der Chemie über, so erinnern
wir uns zunächst, wie Lavoisier durch die Einführung vor allem
der Methode des Wägens die alten qualitativen Anschauungen
der Chemie wenn auch vielleicht nicht völlig für den innersten
Charakter der Elemente, so doch für deren wissenschaftliche
Behandlung zu Falle gebracht hattel. Denn ihm erschien,
abgesehen von allen sonstigen Eigenschaften, als ein Element
derjenige Stoff, der ein unbedingt ständiges, durch nichts
veränderliches Gewicht habe: mithin bei allen chemischen Ver⸗—
änderungen, die er erfahren könne, das Gewicht beibehalte oder
durch Zusatz) vermehre, nie aber vermindere.
Und Lavoisier hatte schon auf Grund dieser Anschauungen
eine Tabelle der ihm bekannten Elemente aufgestellt, wenn auch
an der Spitze dieser Tabelle noch als „unwägbare Elemente“
Lichtstoff und Wärmestoff standen: atavististische Reste der früheren
Qualitätstheorien, die erst Berzelius beseitigt hat.
Nicht lange indes nach diesem Siege der quantitativen
Auffassung Lavoisiers schien es, als sollten deren Fundamente
durch Berthollet (1748 -1822) in sehr radikaler Weise auf die
Probe gestellt werden.
Berthollet behauptete: an jedem chemischen Vorgange seien
alle Stoffe beteiligt, nur mehr oder minder; er sei darum
auch nie eigentlich abgeschlossen, sondern immer nur ein rasch

S oben S. 204 ff.
            
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