Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Beginnender Realismus. 309 
Indem aber so das geologische Material allmählich chrono⸗ 
logisch geordnet wurde, erhielt natürlich das Nachdenken über 
die eigentliche geologische Entwicklung erst eine zutreffende Grund⸗ 
lage und stärkeren Anlaß zur Aufstellung allgemeinerer evolu⸗ 
tionistischer Prinzipien. 
Zugleich aber kam ihm auch noch eine Hilfe von andrer Seite 
her: durch die Untersuchung der Zusammensetzung der Gesteine und 
ihrer Veränderungen namentlich durch Druck und Verwitterung. 
In ersterer Hinsicht entwickelte sich die Gesteinslehre (Petro⸗ 
graphie), die schon Werner stark gepflegt hatte, und die ein 
Menschenalter später vor allem durch Leopold von Buch (1774 bis 
1853) eine außerordentliche Förderung fand, vor allem dadurch 
weiter, daß in ihre Untersuchungen chemische und optische Me— 
thoden eingeführt wurden. Besonders reich waren dabei in der 
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Erträge, welche die mikro⸗ 
skopische Untersuchung ergab. Sie wurde schon von Ehrenberg 
auf eine gewisse Höhe gebracht; eine neue Blüte stand dann 
später in Aussicht, als, um 1850, die Methode der Dünnschliffe 
aufkam, welche erlaubte, haarfein geschliffene Gesteinsproben be— 
sonders eingehender Beobachtung zu unterziehen. Die chemische 
Analyse aber ist besonders durch Bischof in Bonn, seit etwa 
1845, gepflegt worden. Natürlich führte sie vielfach zu den 
Fragen der Einwirkung von Druck und namentlich von Ver—⸗ 
witterung über: und damit zu der eingehenderen Betrachtung 
des ständigen Einflusses der großen Agentien überhaupt auf das 
Antlitz der Erde und die vorhandenen Gesteinsmassen. Und 
damit war denn der Punkt erreicht, an welchem, eben von der 
zunehmenden Kenntnis der entwicklungsgeschichtlichen Prinzipien 
her, die Frage der Entwicklung der Erde selber auftrat. 
Da war nun eine erste Anschauung die gewesen, daß sich 
die Umwälzungen der Erdrinde in großen Katastrophen, vor 
allem in Kataklysmen, vollzogen hätten. Es war eine Ansicht, 
die noch an die Tradition der Sintflut anknüpfen konnte und 
anknüpfte. Allein sie entsprach auch der allgemeinen historischen 
Anschauung noch mindestens des ersten Drittels des 19. Jahr⸗ 
hunderts, die, wesentlich auf die Beobachtung der politischen Ge—
	        
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