312 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
wandern; auch Nordamerika hat er wenigstens in flüchtigem Be⸗
suche gestreift. Nach dieser Reiseperiode aber lebte er, in großen
internationalen Beziehungen aufgehend, bis zum Jahre 1827
in Paris, ehe er nach seiner brandenburgischen und Berliner
Heimat zurückkehrte. Sie hat er dann bis zu seinem späten
Tode nur noch einmal zu einer großen Reise verlassen; schon
sechzigiährig besuchte er 1829 mit einem gewaltigen wissen—
schaftlichen Apparat, dessen Kosten Kaiser Nikolaus J. be—
stritt, in Begleitung des Mikroskopikers Ehrenberg und des
Chemikers Rose Rußland und Asien bis zur chinesischen Grenze.
Alexander von Humboldt war, neben Forster, der erste
deutsche Klassiker der Reisebeschreibung und der Naturwissen⸗
schaften; wie viele Generationen des 19. Jahrhunderts haben
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schienen waren, erbaut. In seinen wissenschaftlichen Interessen
aber ging er weit über Forster hinaus. In seinem Kopfe
lebte der Gedanke einer großen beschreibenden Naturwissenschaft
auf Grund aller Errungenschaften der experimentellen Dis—
ziplinen, in der tellurische und kosmische Physik sich treffen
sollten: schon früh bewegte ihn im Sinne eines Ideals der
Gedanke des Kosmos.
Und als er dann in Berlin heimisch wurde, trat ihm dieses
Ideal näher. War er nicht, 1828 Präsident jener ersten voll—
entwickelten deutschen Naturforscherversammlung, die Oken schon
1822 angeregt hatte, im Bereiche der Disziplinen der Natur—
wissenschaft schon ein wenig, als was Hegel damals im Gebiete der
Geisteswissenschaften erschien: der höchste, der verehrte Führer?
Und als wenige Jahre darauf Hegel starb, da konnte es scheinen,
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deutschen wissenschaftlichen Lebens überhaupt. Ja man mochte
sagen, es geschähe dies in ganz legitimer Nachfolge Hegels und
im Sinne der mittlerweile wiederum um ein weniges mehr
ins Realistische abgewandelten Zeiten. Denn Humboldt war
kein Philosoph mehr. Und dennoch war er noch viel weniger
einer der platten Materialisten der späteren fünfziger und
sechziger Jahre. Ein Kind noch des letzten aushallenden Zeit—