Beginnender Realismus. 313
alters des alten Rationalismus, der individualistischen Auf⸗-
klärung, war er in den kräftigen Jahren seines Greisenalters
mit noch starken rein geistigen Interessen hineingewachsen in
jenen immer kühner emporwachsenden Realismus, der schon
die Pflege der Naturwissenschaften zu bevorzugen begann; und
der Gedanke an die hohen klassizistischen Ideale seines Bruders
Wilhelm hatte ihm auch zugleich eine gewisse Fühlung mit den
enthufiastischen Zeiten noch des frühen Subjektivismus gewahrt.
Es ist diese höchst eigenartige Stellung im Verlaufe des
Seelenlebens seiner Zeit, die, neben allem Eigenen des Autors,
dem abschließenden wissenschaftlichen Werke Humboldts, dem
Kosmos (1845— 1888), eine kulturgeschichtlich wichtige Stellung
sichert. Nach langen Vorarbeiten, die schon mit den Vorlesungen
begonnen hatten, welche Humboldt nach Aragos Vorbild im
Winter von 1827 auf 1828 in der Berliner Singakademie hielt,
zog der große Forscher hier die Summe seines Lebens. In ab—
geklärter Form, aus einem gesättigten Verständnisse heraus, in
edler Popularität der Sprache handelte er zentral von der
Physik der Erde: von der Verteilung von Wasser und Land,
von der Wirkung der großen Agentien auf sie, von Licht,
Wärme, Magnetismus, elekrischen Kräften. Aber er begnügte
sich nicht mit dem terrestrisch-physikalischen Bilde, so sehr er
es auch in die großen kosmischen Räume erweiterte. Aus den
Gebieten der Natur stieg er auch — wie man will, hinauf
oder herab — zum psychischen Kosmos, und wesentliche Bei—
träge zu einer genetischen Universalgeschichte auf geographischer
Grundlage erweiterten seinen Blick bis zur aktuellsten Gegenwart.
Von diesem Umfange des Ganzen her mag man das Werk wohl
auch am ehesten mit Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte
der Menschheit vergleichen. Denn in diesen ist der physikalische
Teil der Betrachtung nicht gering. So gesehen aber macht sich
dann erst recht in beiden Werken der Unterschied der Zeiten geltend.
Herders Werk, ahnungsvoll, enthusiastisch, für die Jahre seiner
Entstehung gewiß auf fleißigen Studien aufgebaut, im ganzen
aber doch mehr der Anregungen als der Ergebnisse voll, hat auch
an erster Stelle anregend gewirkt hin durch die Menschenalter des