Neue Dichtung.
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Und so glaubt er sich tatsächlich ihr nahe:
Eilet, Winde, mit meinem Verlangen zu ihr in die Laube,
Schauert hin durch den Wald, rauscht und verkündet mich ihr!
Aber das Phantom bleibt dem Dichter unnahbar; und
der Gedanke der Unnahbarkeit verdoppelt jene Stimmungen
des Weltschmerzes, der pietistischen Lebensanschauung, der
sentimentalen Liebe und Freundschaft, der Tugendschwärmerei,
aus der Klopstock die herrlichsten seiner Oden geschaffen hat.
So überwiegt denn in diesen Oden namentlich der Früh—
zeit, die kulturgeschichtlich vor allem in Betracht kommen, das
lyrische Element das heroische; und nur eine glühende Vater—
landsliebe sowie ein ausgesprochener Hang zu staatlicher Ge—
sinnung bringen in dieser Tonlage härteren Klang. Im übrigen
aber ist es immer wieder das Moment allgemeiner Stimmungen,
das in der Sprache daherflutet und beim Hörer erregt werden
soll: allgemeiner Stimmungen von unendlicher Macht, die selbst
das Denken überwältigen und sich einverleiben. Wie oft ver—
sucht es da der Dichter nicht, an die Stelle des Gedankens
womöglich Gefühl oder wenigstens Anschauung zu setzen. Und
wie schwer bescheidet er sich der Unmöglichkeit seines Vorhabens.
Dann spricht er wohl vom Unsagbaren, Unnennbaren, Unsing⸗
baren, und halb beschämt schließt er:
die verstummende Seele,
faßt dich, Gedanke, nicht mehr!
Aber mit dem Versuche selbst hat er schon den Weg betreten,
auf dem er unaufhaltsam vorwärts eilt: den Weg der Auf—⸗—
lösung aller festen Konturen des Denkens und der Anschauung
ins Stimmungsvolle. Und bewundernswert ist die Kunst, mit
der er diesem Drange gerecht wird.
Schon früh handhabt er neben der klar erhabenen biblischen
Mythologie und der konkret schönen klassischen Göttersage die
nebelhafte nordische, seiner Auffassung nach altgermanische; und
schon im Jahre 1747 spricht er von Barden. Aber bald geht
er weiter. Er drängt die fein umrissenen Göttergestalten der
Alten zurück; und an ihre Stelle treten, am Ende fast aus—