Die Frühromantif.
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an ihnen war, so sehr man wenige Jahre darauf den Dramatiker
Schiller feierte. Nun waren die Anfänge der Romantik gewiß
auch nicht hoffnungsreicher; mag sich auch das Athengeum über
die Tatsache, daß man für einen kleinen Kreis, ja oft nur für
sich selber schrieb, mit den Worten trösten: „Das ist recht gut.
Dadurch wird die deutsche Literatur immer mehr Geist und Cha—
rakter bekommen. Und unterdessen kann vielleicht ein Publikum
entstehen.“ Was aber das Merkwürdige war: das Publikum
entstand! — wenigstens seit 1815 war es vorhanden. Und es
war bald nicht bloß in einzelnen Ländern Deutschlands zu
Hause, sondern überall, sogar in Bayern und sterreich.
Die Tatsache, daß die Romantik die erste seelische Strömung
des Subjektivismus war, welche die Gesamtnation traf, ist
politisch wie kulturgeschichtlich von ebenso großer Bedeutung,
wie sie aus der Perspektive noch unserer Zeit und beim heutigen
Stande unserer Kenntnisse schwer abzuleiten bleibt. War die
Ursache in einer starken sozialen Fundamentierung gegeben?
Gewiß sind manche Erscheinungen der Frühromantik, und vor—
nehmlich die auffallendsten, besonders das Auftauchen dessen,
was man eine Nervenperiode, eine beginnende Reizsamkeit
nennen könnte, in den Verhältnissen der Keimorte der Romantik,
Berlins, Jenas, wie in der literarischen Umwelt, namentlich
in dem Einflusse eines in Emanzipation begriffenen Judentums,
sozial bedingt gewesen. Aber nicht eben sie, erste Vorposten
gleichsam der kommenden zweiten subjektivistischen Periode, kenn⸗
zeichnen den allgemeinen Verlauf der ersten aufs stärkste. Und
das Bürgertum der Zeit, das man am ehesten als sozialen
Träger der ganzen Bewegung ansprechen könnte, bereitete um
1800 bis 1820 in schwerem Ringen allerdings eine neue seelische
Phase des Zeitalters vor, aber dies war nicht die romantische
mehr, sondern die spätere des Realismus.
Darüber hinaus könnte man mit mehr Recht die sogenannten
Gebildeten als eine um 1800 etwa vollentwickelte, nunmehr
fertige Klasse besonderer Art, als die geistigen Interessenten
gleichsam der Nation ansprechen und von ihnen behaupten, daß
sie als reines und großes Gefäß sozialen und geistigen Lebens