Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Beginnender Realismus. 
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und Notwendigkeit und zwischen individuellen und staatlichen 
Energien; in der milden Luft seines anschaulichen Denkens 
erschienen die Staaten wohl als vornehmste Träger mensch-— 
licher Geschicke; aber er blieb weit davon entfernt, über ihren 
scharfkantigen Wirkungen die freiheitlich höhere Sphäre der 
geistigen und vor allem der religiösen Bewegungen zu vernach— 
lässigen; und er hat selbst kunstgeschichtlich im einzelnen ge— 
arbeitet. So blieb er zwar ein Kind seiner Zeit, aber indem 
er deren Richtlinien in die besondere Denkweise einer uni— 
versalen Anlage und damit ins Ungemeine verlängerte, sah er 
auch sein Werk in Zeiträume von einer Ausdehnung hinein⸗ 
wachsen, die sich über die gewöhnliche Periode der Wirkung 
eines Menschenlebens erhoben: und lange Zeit hindurch weniger 
gelesen und mehr von ferne betrachtet, hatte er gegen Ende seines 
Lebens und seines Jahrhunderts auch in dieser Hinsicht in 
Fülle, was seine Jugend sich mochte gewünscht haben. Zugleich 
aber war er über den politischen Gegensatz von Legitimität 
und Revolution, der noch die Generationen seiner Mannes⸗— 
jahre heftig bewegte, durch Erbreiterung der Begriffe der ge— 
schichtlichen und der aufklärerischen Anschauung so gut wie völlig 
hinausgewachsen; und nachdem er das Auge unter dem Blick— 
punkte der letzten Zeitalter vom 15. und 16. Jahrhundert ab 
zu höchsten Perspektiven geweitet hatte, war er, einem Goethe, 
einem Faust an Weltfreude und Weltkenntnis ähnelnd, zu un— 
erhörten Tiefen universaler Fernsicht gelangt, die ihn dem 
Ewigen zu vermählen schienen. 
Rankes Zeitgenossen im historiographischen Berufe, die 
wie er schon einen stärkeren Realismus der Forschung und der 
Darstellung mit dem idealen Zuge einer Weltanschauung der 
Ideenlehre mehr oder minder verbanden, ein Loebell, Voigt, 
Lappenberg, Stenzel, sind in der Überlieferung in den Kern— 
schatten dieses blendenden Lichtes geraten; besonders unverdient 
darunter auch Gervinus. In manchen Dingen Ranke ähnlich, 
eine wesentlich methodisch angelegte Natur und vor allem 
literarische Entwicklungen meisternd, kritisch und doch gleich 
Ranke die Kraft bloßen Methodentums auf historischem Gebiete
	        
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