22 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
die Romantik aufgenommen hätten. Aber wäre das noch eine
dynamische und das heißt historische Erklärung? Am Ende
sieht man sich zu einer noch allgemeineren Motivierung hin⸗—
gedrängt. Der Subjektivismus als Ganzes war in den frühen
Stufen der ersten Periode nicht ein Ferment, das schon die
Gesamtnation durchdrungen hätte: so sehr uns die Lebens—
erscheinungen dieser Stufen auch heute grundlegend erscheinen,
so wenig wurden sie in der Zeit ihrer Entwicklung selbst so
empfunden. Erst dann, als die ganze Bewegung des Sub⸗
jektivismus, eben mit der Romantik, auf die volle Höhe einer
ersten Entwicklung gelangt war, ging ein Gefühl des vollen
Werdenden durch die Nation und fand schließlich in einem
Gastesrechte Ausdruck, das nun dem neuen Geiste überhaupt,
zunächst aber vor allem in seiner jüngsten Gestaltung, gewährt
wurde. Dazu kam wohl auch noch, daß eben erst diese Ge—
staltung den Gegensatz der Konfessionen übersprang, während
die früheren Phasen des Subjektivismus noch immer, gleich
den geistigen Strömungen des 16. bis 18. Jahrhunderts, im
ganzen protestantisch charakterisiert gewesen waren: auf die
Romantik hat sich später die Orthodoxie nicht minder wie der
Klerikalismus berufen.
Wie dem aber auch sei: gewiß ist, daß die romantische
Bewegung in Deutschland zu einer allgemeinen wurde, daß sie
darum mehr als ein Menschenalter und somit viel länger als
jede fruhere Phase des Subjektivismus währte: und daß sie
eben dadurch wieder um vieles weiter über die Grenzen des
Vaterlandes gewirkt hat als Empfindsamkeit oder Sturm und
Drang oder zunächst selbst Klassizismus.
Das Fundamentale, wenn man will Radikale, das die
Romantik hierin aufweist, war auch die Begleiterscheinung ihrer
inneren Geschichte: selbst ihre normalen Entwicklunaswerte sind
Grenzwerte gewesen.
Und da ist denn der erste Grenzwert die absolute Frei—
stellung des Subjekts. „Der Mensch gebe sich selbst wie ein
Kunstwerk, welches im Freien aufgestellt jedem den Zutritt ver—
stattet und doch nur von denen genossen und verstanden wird,