Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Frühromantik. 
29 
die Sinn und Studium mitbringen. Er stehe frei und bewege 
sich seiner Natur gemäß, ohne zu fragen, wer ihn ansieht, und 
wie.“ Es ist ein Begriff des Subjektivismus, der über das 
Subjektive des Klassizismus noch hinwegführt. Dabei läßt 
sich aber dennoch, auf literarischem Gebiete, seine Ableitung 
aus den Vorstellungen des Klassizismus verfolgen. Da hatte 
Schiller, der den Romantikern wegen klassizistischer Orthodoxie 
bald so Verhaßte, den Unterschied zwischen Naiv und Senti— 
mental gemacht: im Grunde doch zugunsten des Naiven, 
Goethes und der Antike. Aber das ließ die Romantik nicht 
gelten. Sie setzte Naiv gleich Objektiv und Subjektiv gleich 
Sentimental und entwickelte dabei, nach gewissen Andeutungen bei 
Schiller, für das Subjektive das Kennzeichen des Interessanten. 
Und nun ließ sie sich den breiten Strom der ihr eigenen 
Empfindungen hinabtreiben. Interessant wurde ihr gleich— 
bedeutend mit Willkürlich, Ungebunden: Begriffe, die nun 
ebenso ihr ethisches wie ihr ästhetisches Leben zu decken geeignet 
schienen. 
Dabei konnte die neue Ungebundenheit sehr wohl ein tiefes 
Versenken in sich selbst, eine starke Entwicklung der Innenwelt 
und eine genaue Beobachtung ihrer seelischen Zusammenhänge 
bedeuten. Sie hat in diesem Sinne der Dichtung der Zeit so 
wenig gefehlt wie der bildenden Kunst, und die Philosophie 
insbesondere der Frühromantik beruhte am Ende auf dem An— 
spruche der Einzelperson nicht bloß auf Selbsterkenntnis, sondern 
unmittelbar auf ein subjektives Bild der Welt überhaupt. 
Nicht minder aber mußte sich bei einer solchen Ausweitung 
des Persönlichen das Universale im höchsten Sinne als Grenz⸗ 
wert einstellen: das Universale in jederlei Begriff und An— 
schauung, das Universale der Zeit und des Raumes. So wird 
der Sinn schon der Empfindsamkeit und des Sturmes und 
Dranges fur das geschichtlich Nationale, so die Neigung des 
Klassizismus zur Antike noch einmal und in dieser zweiten 
Entstehung noch kräftiger geboren und jetzt als universaler 
Historismus zur interessanten Durchstöberung jeglicher geschicht— 
licher Welt; so entgeht das Reizvolle keines Raumes und
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.