Die Frühromantik.
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die Sinn und Studium mitbringen. Er stehe frei und bewege
sich seiner Natur gemäß, ohne zu fragen, wer ihn ansieht, und
wie.“ Es ist ein Begriff des Subjektivismus, der über das
Subjektive des Klassizismus noch hinwegführt. Dabei läßt
sich aber dennoch, auf literarischem Gebiete, seine Ableitung
aus den Vorstellungen des Klassizismus verfolgen. Da hatte
Schiller, der den Romantikern wegen klassizistischer Orthodoxie
bald so Verhaßte, den Unterschied zwischen Naiv und Senti—
mental gemacht: im Grunde doch zugunsten des Naiven,
Goethes und der Antike. Aber das ließ die Romantik nicht
gelten. Sie setzte Naiv gleich Objektiv und Subjektiv gleich
Sentimental und entwickelte dabei, nach gewissen Andeutungen bei
Schiller, für das Subjektive das Kennzeichen des Interessanten.
Und nun ließ sie sich den breiten Strom der ihr eigenen
Empfindungen hinabtreiben. Interessant wurde ihr gleich—
bedeutend mit Willkürlich, Ungebunden: Begriffe, die nun
ebenso ihr ethisches wie ihr ästhetisches Leben zu decken geeignet
schienen.
Dabei konnte die neue Ungebundenheit sehr wohl ein tiefes
Versenken in sich selbst, eine starke Entwicklung der Innenwelt
und eine genaue Beobachtung ihrer seelischen Zusammenhänge
bedeuten. Sie hat in diesem Sinne der Dichtung der Zeit so
wenig gefehlt wie der bildenden Kunst, und die Philosophie
insbesondere der Frühromantik beruhte am Ende auf dem An—
spruche der Einzelperson nicht bloß auf Selbsterkenntnis, sondern
unmittelbar auf ein subjektives Bild der Welt überhaupt.
Nicht minder aber mußte sich bei einer solchen Ausweitung
des Persönlichen das Universale im höchsten Sinne als Grenz⸗
wert einstellen: das Universale in jederlei Begriff und An—
schauung, das Universale der Zeit und des Raumes. So wird
der Sinn schon der Empfindsamkeit und des Sturmes und
Dranges fur das geschichtlich Nationale, so die Neigung des
Klassizismus zur Antike noch einmal und in dieser zweiten
Entstehung noch kräftiger geboren und jetzt als universaler
Historismus zur interessanten Durchstöberung jeglicher geschicht—
licher Welt; so entgeht das Reizvolle keines Raumes und