Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

362 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. 
verallgemeinert, betrachtete man sie mit den Augen des amerikani⸗ 
schen Weißen. Da zeigte sich die französische Revolution um— 
rahmt von den Emanzipationsbestrebungen Amerikas, von seinem 
raschen Vordringen hin zu den Zielen eines mehr als euro— 
päischen Subjektivismus: wie nach ihr die Befreiung der ro— 
manischen Südhälfte des Kontinents, so lagen vor ihr die 
glorreichen Freiheitskriege und die föderative Staatenbildung 
des germanischen Nordens. War es da zu verwundern, wenn 
alsbald die Anfänge des panamerikanischen Gedankens auf⸗ 
tauchten? Und sie wurden naturgemäß der stärkeren, der 
germanischen Hälfte des Erdteils verdankt. Bereits die Ver— 
selbständigung Brasiliens war durch nordamerikanischen Ein— 
spruch gefördert worden; im Jahre 1824 wurde dann die 
mexikanische Verfassung der der Vereinigten Staaten nach⸗ 
gebildet. Und schon hatte um diese selbe Zeit der pan— 
amerikanische Gedanke seine erste programmatische Fassung in 
der frühesten Form der Monroedoktrin gefunden und war in 
der äußeren Politik des für sie namengebenden Präsidenten der 
Union zum Ausdrucke gelangt. Damit trat dem alternden 
Kontinente, wie er damals unter dem stärksten Drucke der 
Heiligen Allianz stand, ein neuer Kontinent zum ersten Male 
als Ganzes entgegen: werdend, ohne das schwere Gepäck einer 
Jahrtausende alten Geschichte, ohne Sorgen vor Restauration 
und Legitimität, eine Stätte freien Handelns und Denkens, 
und darum Erbe vielleicht der europäischen Zukunft. 
Indes waren um diese Zeit immerhin die Tage der 
Heiligen Allianz schon gezählt; an der Uneinigkeit der Personen 
und an dem Zwiespalt der Interessen der in ihr vereinigten 
Staaten ist sie zugrunde gegangen. 
In den ersten zwanziger Jahren war die Lage der Allianz 
freilich anscheinend noch sehr günstig; noch fühlte sich ihr eigent— 
licher Stifter, Metternich, der Urheber der Kongresse von 
Troppau, Laibach, Verona (1820 - 1822), alles Städten öster⸗ 
reichischen Gebietes, vollkommen ihrer Herr; noch stand sein 
Land im Mittelpunkte der Führung der europäischen Geschicke. 
Und zu diesem Kerngebiet der restaurativen Neigungen stand
	        
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