Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

364 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. 
Angriffe von Westen her, um so mehr unter russischen Kriegen von 
Norden her zu leiden gehabt und zu leiden. Um 1820 waren schon 
zwei große Perioden der russischen Initiative gegen den Glaubens— 
und Erbfeind abgelaufen, ihr Ende wurde durch die Frieden 
von Kütschük Kainardsche, 1774, und Bukarest, 1812, bezeichnet. 
Im Jahre 1774 hatte Rußland außer Teilen der Krim 
die freie Handelsschiffahrt auf allen türkischen Meeren erreicht; 
vor allem aber waren die Donaufürstentümer Moldau und 
Walachei an ihre mit Rußland sympathisierenden Herrscher 
zurückgegeben worden und hatte Rußland deren Vertretung 
bei der Pforte erhalten. Im Jahre 1812 war dann Bessarabien 
östlich des Pruth Rußland einverleibt und die russische Herr⸗ 
schaft bis an die südliche Donaumündung ausgedehnt worden. 
Seitdem war die Stimmung in den unteren Donaufürsten— 
tümern der Pforte wenig geneigt. 
Noch weiter fortgeschritten war die Abbröckelung des 
türkischen Reiches schon in Serbien. War der Aufstand des 
schwarzen Georg auch gescheitert, so hatte das serbische Volk 
1818 doch das Recht errungen, sich einen erblichen Fürsten 
aus eigenem Stamme zu erwählen, dem eine Skupschtina zur 
Seite treten sollte. Daraufhin hatte man 1817 Milosch 
Obrenowitsch zum Fürsten gewählt. Gegen die Türkei aber 
blieben die Stimmungen feindlich. 
Und auch an den Südgrenzen des Reiches trat der Verfall 
der Zentralgewalt zutage. In Albanien hatte Ali Pascha von 
Janina eine nahezu souveräne Macht begründet, die erst 1822 
mit Mühe zerstört wurde. Schlimmer noch standen die Dinge 
in Ägypten. Hier hatte Mehemed Ali es schon 1805 zu solcher 
Selbständigkeit gebracht, daß die Pforte sich gezwungen sah, 
ihn zum Pascha zu ernennen. Mehemed Ali begründete nun 
erst recht ein Heer nach europäischem Zuschnitt; eroberte selb⸗ 
ständig Nubien, Sennar, Dongola und Darfur; monopoli⸗ 
sierte die Erzeugung von Baumwolle, Hanf, Flachs, Indigo, 
Sesam und anderen Olfrüchten in seinen Ländern: und be— 
herrschte so sein Reich wie eine große Domäne. Dabei 
war er klug genug, obwohl dem Sultan nur noch nominell
	        
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