Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 365
untertan, die äußeren Formen des Gehorsams sorgfältig zu
wahren.
Was bedeutete unter diesen Umständen die Türkei noch?
Und der Verfall war eingetreten, obwohl Selim III. (1789 bis
1807) und Mahmud (1808 -1839) tüchtige Herrscher waren.
Dieser Zustand schien das überall im Reiche verbreitete
Element der Griechen zur Befreiung ihres Vaterlandes geradezu
herauszufordern, um so mehr, als die Türkenherrschaft in
Griechenland mit am verrottetsten war. Schon im Jahre 1812
war die Hetärie der Philomusen zu Athen entstanden, ein litera⸗
rischer Verein mit politischen Zielen, wie so oft in verwandten
Fällen europäischer Geschichte des 19. Jahrhunderts; 1814
bildete sich, zur Befreiung des Vaterlandes, in Odessa die rein
politische Hetärie der Philiker. Im März 1821 erfolgte der erste
Ausbruch griechischen Freiheitsdranges in Jassy, in den Donau—
provinzen, unter den Brüdern Alexander und Nikolaus Ypfilanti.
Er wurde blutig unterdrückt; Alexander Ypsilanti flüchtete nach
Osterreich und starb 1828 zu Wien, nach jahrelanger Gefangen⸗
schaft zu Munkscs.
Fast gleichzeitig aber begannen Aufstände in Morea, auf
den Inseln, in Rumelien, in Thessalien. Die Türken griffen
barbarisch dagegen durch; Kennzeichen dieser Phase des Auf—⸗
standes war die Verwüstung von Chios, April und Juni 1822.
Gleichwohl blieben die Griechen bis zum Jahre 1823 im all—⸗
gemeinen im Vorteil; und bereits am 1. Januar 1822 trat
eine erste griechische Nationalversammlung unweit des alten
Epidauros zusammen.
Da brachte das Jahr 1824 eine Wendung in den Ge—
schicken des Krieges. Der Sultan, unfähig den Aufstand allein
zu unterdrücken, rief ägyptische Hilfe an. Und nun erschien
Ibrahim, ein furchtbarer Kriegshauptmann, Adoptivsohn Mehe—
med Alis, mit Heer und Flotte. Er siegte, verwüstete Morea
schrecklich, nahm endlich, am 22. April 1826, die letzte Hoffnung
der Griechen, das lange verteidigte Missolunghi. Der Aufstand
schien dem Ende nahe.
Allein inzwischen hatte sich in Europa, und mit am meisten