Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

366 J Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. 
in Deutschland, die öffentliche Meinung längst für die Sache 
der Hellenen erwärmt. Unter Deutschen sang Müller seine 
Griechenlieder; der arme Dichter Johann Heinrich Voß zahlte 
tausend Gulden zu den allgemeinen Sammlungen für Griechen⸗ 
land als kleinen Beitrag zur Ablösung der großen Schuld der 
modernen Welt an das alte Hellas. Beträchtlich waren die 
Mittel, die aufgebracht wurden; neben den deutschen Sym— 
pathien fiel die reiche Geldhilfe des Genfer Bankiers Eynard 
ins Gewicht; idealen und materiellen Beistand zugleich leistete 
Byron. 
Ganz anders aber stellten sich die großen Kabinette zu 
dem griechischen Kampfe für Freiheit und Volkstum. Grund⸗ 
sätzlich trat ihm natürlich sterreich entgegen; Metternich hatte 
nur Spott für die Hellenen. Preußen stand ihm zur Seite, 
nicht ohne harten Tadel der Philhellenen Norddeutschlands. 
Aber auch England wollte von den Griechen nichts wissen, aus 
Handelseifersucht, Sorge um die Jonischen Inseln, Furcht vor 
einem möglichen Eingreifen Rußlands. Indes war nicht auch 
der Zar als Mann restaurativer Politik jeder Gunsterzeigung 
gegen die Griechen fern? 
So schien einstweilen für Metternichs Politik nichts zu 
befürchten. Aber da starb der Zar am 1. Dezember 1825: und 
damit eröffneten sich ganz andere Perspektiven. Des Zaren 
Nachfolger, sein Bruder Nikolaus, war gewiß nicht liberal. 
Aber über allen europäisch-restaurativen Sorgen stand ihm die 
nationale russische Politik, und ihr war die Sache Griechen— 
—VV— 
nunmehr mit einem solchen in England zusammen; hier brachte 
ein Kabinettswechsel Canning ans Ruder, der, weit verbreiteten 
populären Regungen entsprechend, von jeher für die Freiheit 
der Hellenen geschwärmt hatte. 
Auf Grund dieser Wendung einigten sich dann England 
und Rußland am 4. April 1826 dahin, zwischen Hellas und 
der Türkei zu vermitteln. Es geschah im tiefsten Geheimnis 
vor der Heiligen Allianz, deren Grundsätze damit schnöde ver— 
lassen wurden. In der Tat war Metternich aufs äußerste
	        
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