Die Frühromantik.
25
bilität tauchten auf, von deren für die Romantik charakteristischem
Emporkommen schon erzählt worden ist. Da hob, wie stets in
solchen Zeiten, eine Umwertung der Werte an, vor allem der
sittlichen. Denn längst schon hatte man das alte Glückseligkeits—
ideal des Rationalismus verlassen; jetzt aber verließ man auch
und vielleicht noch lieber den Rigorismus des kategorischen Im—
perativs. Daneben kokettierte man gelegentlich wohl mit all⸗
gemeiner Tugendstrenge, und ergoß sich gelegentlich auch
archaisch in Empfindsamkeiten des Herzens. Theoretisch ver—
suchte man dabei wohl noch dem Imperative Kants das angeb—
liche höhere Recht der „Stimme der Natur“ im Menschen im
Sinne Jacobis entgegenzusetzen oder mit Schiller die Strenge
der christlichen und Kantschen Forderungen durch das Streben
nach einer sittlich-ästhetischen Kultur zu mildern; oder man
hob sich endlich durch Schwelgen in einem möglichst universalen
Begriffe der Humanität über alle greifbaren Forderungen
hinweg. Das Endergebnis aber war natürlich immer dasselbe:
ein haltloses Schwanken auf den dunkeln Wässern des eigenen
Ichs. Oder wie man es auf romantisch ausdrückte: „Der
sittliche Mensch bewegte sich aus eigener Kraft frei um seine
Achse.“ Natürlich aber war diese Achsenbewegung neologistisch.
Und deutlich erkannte man auch hier wiederum selbst das Ende:
„Die erste Regung der Sittlichkeit ist Opposition gegen die
positive Gesetzlichkeit und konventionelle Rechtlichkeit, und eine
grenzenlose Reizbarkeit des Gemüts. Kommt dazu noch die
selbständigen und starken Geistern so eigene Nachlässigkeit und
die Heftigkeit und Ungeschicklichkeit der Jugend, so sind Aus—
schweifungen unvermeidlich, deren nicht zu berechnende Folgen
oft das ganze Leben vergiften.“ Gab man aber darum den Weg
der praktischen Umwertung der Werte auf? Es war der Gang
der Dinge, daß dies nicht geschehen konnte. Sittsamkeit war nach
Schlegel, und nicht bloß in der „Lucinde“, das, was die Menge
Schamlosigkeit nennt; und Brentano hat die „Philistermoral“
nicht nur Unmoral genannt, er, und mit ihm Zacharias Werner,
Tieck, Arnim und andere, haben auch nach diesen Maximen, wenn
auch unter sehr verschiedenen Intentionen, zu leben gesucht.