Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Politische Restauration; wirtschaftliche Fortschritte. 369 
liberales, nicht einmal mehr bloß whigistisches Fahrwasser. 
Denn dies war die Zeit, in der unter dem Drucke einer ersten 
Vollendung der sozialen Schichtung nach den kapitalistischen 
Prinzipien des Wirtschaftslebens der freien Unternehmung Eng⸗ 
land zum modernen Staate, zur ersten großen europäischen Demo⸗ 
kratie, wenn auch mit noch aristokratischer Exekutive, heranreifte. 
Einen verwandten Übergang aber machte um diese Zeit 
auch schon Frankreich durch. Nur daß er nicht, wie in England, 
in kontinuierlichen organischen Umwandlungen erfolgte, sondern, 
französischem Temperamente entsprechend, in dem Knalleffekte 
eines revolutionären Umsturzes. Während Karl R. mit den 
steigenden Jahren seiner Regierung immer reaktionärer wurde 
und in der allgemeinen Leitung der äußeren französischen Politik 
dem Fürsten Metternich noch einmal vorübergehend den Trost 
einer verständnisvollen Bundesgenossenschaft bot, regte sich in 
der Nation immer stärker der Widerwille gegen Restaurations⸗ 
gelüste, die nichts als Begünstigung der alten Kirche und 
finanzielle Wiederherstellung des vorrevolutionären Adels zu 
kennen schienen. Es war eine Opposition, die schon früh alles, 
was modern dachte, umfaßte, darunter sogar die gemäßigten 
Gelehrten der Pariser Universität, einen Guizot, Villemain, 
Royer⸗-Collard; bitterer wurde sie, als man Metternich mit Rat⸗ 
schlägen auch in die innere Politik Frankreichs eingreifen sah, 
als die vorübergehende toryistische Strömung in England nach 
dem Tode Georgs JV. stark einzuwirken schien, als man die 
zunehmende Verblendung Karls X. erkannte. Aus alledem ging 
darauf im Jahre 1830 die äußerlich verhältnismäßig ruhig ver⸗— 
laufende Julirevolution hervor; Karl X. dankte ab, und Louis 
Philipp wurde zum Throne berufen. 
Aber unter welchen Wandlungen der Verfassung! Louis 
Philipp von Orléans, der Sohn des revolutionären Herzogs 
Egalitsé, der Urenkel des libertinischen Regenten aus den ersten 
Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts, wurde nicht der alte Roi 
de Franecé des Lilienbanners; als Roi des Français vielmehr 
bestieg er, auf Grund eines Staatsvertrages zwischen Nation 
und Herrscher, einen Thron, den seine Väter nicht besessen 
Laumuprecht, Deutsche Geschichte. X. 24
	        
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