372 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
von vornherein als eine unglückliche Schöpfung erwiesen. Gewiß
ist die Bevölkerung in Holland völlig, in Belgien zum größeren
Teile germanisch; die belgischen Wallonen hatten bis zum Aus—
gang des 18. Jahrhunderts politisch im Grunde niemals die
Führung gehabt. Aber die belgischen Vlamen und die holländi—
schen Niederländer sind weit davon entfernt, sich jemals ganz
berstanden zu haben; und nicht selten hat zwischen ihnen der
Haß naher Verwandter getobt. Dazu waren beide Stämme
zum Teil auch wirtschaftliche Rivalen. Vor allem aber trennte
sie doch der Glaube: denn im Norden herrschte damals noch fast
ausschließlich der halb demokratische Protestantismus der großen
Zeiten der Republik, im Süden aber galt die katholische Kon—
fession, und in ihr traf sich ein reicher Adel mit einem fanati⸗
schen Klerus.
Wie sorgsam hätte unter diesen Umständen die Regierung
der vereinigten Lande verfahren müssen, um auch nur die
zußere Ruhe aufrechtzuerhalten! Aber der Starrsiun des
oranischen Herrschers, Wilhelms J., erlaubte gegenüber der Art
und den Neigungen vor allem der Belgier kaum die Anwendung
der gewöhnlichsten Vorsicht. Die neue Regierung weckte den
religiösen Gegensatz, indem sie durch eine Schulordnung vom
Jahre 1825 und deren Ergänzungen die Herrschaft des Katholi⸗
zismus zu brechen suchte; sie schuf sich durch hart⸗absolutistische
Haltung eine liberale Opposition; und sie verscherzte zugleich
die Sympathien aller Belgier durch Hervorkehrung holländischen
Hochmuts. So verschmolzen denn auf südniederländischer Grund⸗
lage klerikale Demagogie und liberaler Radikalismus: und der
Ausbruch der Revolution war nur noch eine Frage günstiger
Gelegenheit. Diese ergab sich am 25. August 1830 nach einer
Aufführung der „Stummen von Portici“ mit ihren aufreizenden
Volksszenen. Und sie bedeutete Trennung der beiden ver—
einigten Länder mit der furchtbaren Beschießung von Antwerpen,
am 27. Oktober 1830. In der Tat tagte, während am 18. No⸗
vember eine belgische Nationalversammlung die Ausschließung
des Hauses Oranien und die Unabhängigkeit Belgiens er⸗
klärte, in London eine Konferenz der Großmächte zur Ord—