Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

26 vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
Dabei fiel ihnen dieseExzentrizität der Tugendhaftigkeit“, 
wie sie vor allem in den Verhältnissen der Liebe und Ehe her— 
bortrat, mit Poesie zusammen. „Es gibt unvermeidliche Lagen 
und Verhältnisse, die man nur dadurch liberal behandeln kann, 
daß man sie durch einen kühnen Akt der Willkür verwandelt 
und durchaus als Poesie betrachtet. Also sollen alle gebildeten 
Menschen im Notfalle Poeten sein können, und daraus läßt 
ich ebensogut folgern, daß der Mensch von Natur ein Poet 
sei, und daß es eine Naturpoesie gebe, als umgekehrt.“ 
In der Tat drang, merkwürdig genug, aus dieser Welt 
eines fittlichen Aunarchismus, aus der es schwer ist immer den an 
ich vielfach berechtigten Ruf der Reform klar zu vernehmen, 
ein stiller Einfluß hinein nicht nur in die Inhalte, sondern 
auch in die Form der Dichtung. „Auch die Sprache begegnet 
der Sittlichkeit schlecht. Sie ist nirgends so roh und arm, als 
wo es auf die Bezeichnung sittlicher Begriffe ankommt.“ „Ein 
zewisser Mystizismus des Ausdrucks, der bei einer romantischen 
Phantasie und mit grammatischem Sinn verbunden etwas sehr 
Reizendes und etwas sehr Gutes sein kann, dient oft als 
Symbol schöner Geheimnisse.“ Gewiß kann die Genesis des 
Pittoresken und Farbigen im Stil und im Wortschatze unserer 
Zprache, die wesentlich der Romantik verdankt wird, nicht 
allein oder auch nur vorwiegend aus diesem Zusammenhange 
erklärt werden, ist vielmehr zunächst Ergebnis eines immer noch 
fortgebildeten Naturalismus. Aber lehrreich bleibt es doch, 
hon einer so selbstbeobachtenden Natur wie Friedrich Schlegel 
so ganz allgemeine Kombinationen wie die erwähnten bezeugt 
zu sehen. 
Indes Selbstvergötterung des Herzens und zuchtlose Frei⸗ 
heit der Sitten waren nicht die letzten Erlebnisse romantischer 
Naturen. Vielmehr stellte sich bald heraus, daß es auch in 
diesem Zustande einer gewissen Autorität bedurfte. Und diese 
wurde gefunden in der mehr oder minder schmerzhaften Selbst⸗ 
objektivlerung des Ichs: dem nunmehr die Führung des eigent— 
lichen Ichs, jetzt gleichsam seines Schattens, zufiel. Es ist eine 
Wandlung, die sich in der Literatur durch eine sonderbare Art
	        
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