394 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
stimmungen so unklar gelassen hatte. Diese Machtstellung Oster⸗
reichs aber war wiederum doch nur möglich, weil Preußen
verblendet zustimmte.
Gleichwohl hielt sich im Bundesrat noch immer eine ziem⸗
lich starke Opposition. Sie war dabei nicht eigentlich und
grundsätzlich antilegitimistisch oder liberal; ihre Grundlagen
waren vielmehr in der besonderen Entwicklung der kleineren
Einzelstaaten seit 1815 gegeben.
Während sich nämlich die deutschen Großmächte, Hgsterreich
und Preußen, ganz der legitimistischen Restauration hingaben,
hatten insbesondere die süddeutschen Mittelmächte bald heraus—
gefunden, daß sie den Parlamentarismus trefflich zur Be—
gründung eines einheitlichen Staatsgefühls ihrer eben erst aus
tausend Sprengstücken zusammengestellten Territorien benutzen
könnten. So wurden sie denn im Innern leidlich liberal.
Und über diese Grundlage schritt schon seit Ende des zweiten
Jahrzehnts König Wilhelm von Württemberg noch hinweg.
Er faßte den Gedanken eines „reinen“ Deutschlands neben
den großen Ostmächten, namentlich auch gegenüber dem „halb⸗
slawischen, barbarischen“ Preußen. Die Triasidee trat zum
ersten Male entschiedener und selbständiger auf, ausgesprochen
namentlich in dem politischen Pamphlet Lindners „Manufskript
aus Süddeutschland“, 1820, das die Ideen König Wilhelms
in das erregte Publikum warf.
Diese Ambitionen verkörperten sich nun in einer Opposition
im Bundesrat, wie sie namentlich der hochbegabte württem⸗—
bergische Gesandte von Wangenheim vertrat.
Natürlich waren sie Hsterreich und Preußen um so mehr
ein Dorn im Auge, je mehr sie den Beifall der Gebildeten
fanden. Metternich berief daher im Winter 1822 auf 1828
eine Anzahl von getreuen Staatsmännern, vor allem den
preußischen Minister Bernstorff, nach Wien und vereinte sie auf
die Unterdrückung dieser Opposition. Zur Ausführung aber
mußte auch das Ausland herhalten; Rußland, mit den kleinen
Höfen verschwägert, drückte vielerorten nach, zog aus Stutt⸗
gart sogar seinen Gesandten zurück. In der Tat mußte