398 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
schien es noch nicht genug. Im September 1883 und im
Sommer 1835 verbanden sich Osterreich und Preußen auf den
Kongressen von Münchengrätz und Kalisch auch international
noch fester mit Rußland gegen jede „Revolution“.
Damit begann in Deutschland auf fast ein Jahrzehnt eine
Zeit absoluter Reaktion in Verbindung mit besonderer Hoch—
schätzung der russischen Zustände vornehmlich in Preußen: es
war, international betrachtet, die Ergänzung des Zusammen—
bruchs des liberalen Einverständnisses zwischen Frankreich und
England im europäischen Westen.
Auf deutschem Boden aber, in den gebildeten und politisch
denkenden Kreisen unseres Volkes, erwartete man von da ab
nichts mehr vom Bundestage, ja kümmerte sich kaum noch um
das Leben kläglicher Nichtigkeit, das er führte. Die Zentral—
instanz mochte tun, was sie wollte: die Einzelstaaten frischem
Leben zu erhalten, erschien jetzt als Pflicht des Tages und der
nächsten Zukunft. —
In der Entwicklung des Verfassungslebens der Einzel—
staaten hatte das Schicksal der deutschen Landschaften in na—
poleonischer Zeit einen dauernden Unterschied begründet.
In Süddeutschland waren damals durch gewaltsame Me—
diatisierung und Einverleibung kleinerer Staaten und Staaten⸗
fetzen in größere ganz neue staatliche Gebilde entstanden:
Mittelmächte, die man in dieser Regelmäßigkeit früher in
Deutschland nicht gekannt hatte. Sie sollten der französischen
Herrschaft die dauernde Zersplitterung Deutschlands gewähr—
leisten.
In der Tat war das richtig gerechnet. Diese Staaten
mußten schon aus dem Triebe, sich überhaupt erst zu formieren,
nach Entwicklung eines partikularen Staatsgeistes streben.
Dieser Geist aber konnte, wie schon einmal berührt worden
ist, gebildet werden nur durch die Entwicklung einer neuen,
modernen, d. h. nach den Anschauungen des zeitgemäßen
Liberalismus repräsentativen Verfassung. Und diese Straße
ließ sich in der Welt der neuen Staaten um so eher ein—
schlagen, als diese wenigstens teilweise schon in napoleonischer