422 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
allerdings eine gemeinschaftliche Ordnung des deutschen Verkehrs
und Handels in Aussicht; aber schon der erste Versuch einer
gemeindeutschen Handelspolitik, als während der Hungersnot
von 1816 auf 1817 die Aufhebung der Getreideausfuhrverbote
verlangt wurde, scheiterte an dem Widerspruche einzelner
Bundesglieder.
So blieb die nächste Hoffnung eigentlich doch nur auf
Preußen gestellt. Denn auch Osterreich konnte hier nicht in
Betracht kommen: trotz aller Zentralisierungsbestrebungen seit
Maria Theresia ist es noch heute nicht so weit gelangt, ein
einziges Wirtschaftsgebiet zu sein: wie hätte es um 1815 auch
nur in seinen Grenzen eine Zolleinheit herbeiführen sollen! Für
Preußen dagegen standen um diese Zeit die Aussichten nicht
ungünstig: vornehmlich infolge der Schicksale, die wenn nicht
die alte Zollverwaltung, so doch das Tarifsystem seit 1806
und 1807 erlebt hatte. Da war es zunächst natürlich dem
System der Napoleonischen Kontinentalsperre zum Opfer ge—
fallen: und indem dies wiederum wie das ungeheuerlichste
Schutzzollsystem wirkte, waren ganz besonders die modernen
Wirtschaftsformen, die Formen der Unternehmung, empor—⸗
geblüht. Dann aber, nach dem Verfall der Napoleonischen
Herrschaft, hatte sich aus einer ÜUbergangszeit von mannigfacher
Anarchie ein System herausgebildet, wonach westwärts der
Weser Einfuhrverbote überhaupt nicht mehr bestanden und im
allgemeinen, namentlich im Gebiete des ehemaligen Königreichs
Westfalen, alle Waren gegen einen Wertzoll von 60/0 ein⸗
gelassen wurden, während man im preußischen Osten 8148 0/0
als Einfuhrzoll erhob und in den mittleren Provinzen, für
die das alte Prohibitivsystem formell noch fortbestand, stets
Einlaßpässe für den Preis von ebenfalls 81/30/0 des Waren⸗
wertes zu haben waren.
So hatte man denn zwar noch die meisten Beschwerden
des Systems des 18. Jahrhunderts, nicht aber mehr dessen
Schutz, sondern dem Freihandelsprinzipe sich nähernde niedrige
Zölle! Die Folgen davon zeigten sich bald. Englische Waren
überschwemmten das Land, und da eine starke Überschätzung