436 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
was dem heutigen Vortreiben von Eisenbahnen und Kanälen
in unerschlossene Gegenden ähnelt? In Anlaß und Wechsel⸗
wirkung war dies steigende Transportwesen der Ausdruck einer
überhaupt sich leise öffnenden und aufblühenden modernen
Unternehmungswirtschaft auch der Industrie: und mit deren
Erscheinen eines sich allmählich wieder einfindenden Wohl—
standes und freierer geistiger und politischer Haltung.
In einer Leipziger amtlichen Meßrelation vom Jahre 1814
war über die Verarmung Deutschlands geklagt worden; nicht
bloß im Kleinhandel, auch im Großen gelte die Nachfrage meistens
nur wohlfeilen, zur gemeinen Notdurft dienenden Waren; selten
sei es, wenn es überhaupt vorkomme, daß teure Luxusartikel
gekauft würden. Wie anders lagen da die Dinge doch schon
in den dreißiger Jahren! Gewiß, auch in dieser Zeit war der
Hausrat der Urgroßväter und Großväter der heutigen Genera⸗
tion noch kärglich genug; es herrschten die unbeholfenen Formen
des sogenannten Biedermeierstils. Gleichwohl wurden schon
Kunstvereine zur freilich noch kollektiven Förderung der heimi⸗
schen Kunst gegründet; das Genrebild, das auf Ankauf im
bürgerlichen Hause rechnete, entwickelte sich, und die litho⸗—
graphische Bildniskunst erreichte, noch rasch vor dem Auf⸗
kommen der Daquerrotypie, eine beträchtliche Höhe!. Es waren
Anfänge nur eines bescheidenen Reichtums: aber sie waren
als solche unleugbar.
Und schon belebte sich mit größerem Wohlstand und
weiterem wirtschaftlichen Blicke auch das politische Interesse.
Klar läßt sich z. B. am Rhein verfolgen, daß höhere Auf—
gaben des wirtschaftlichen Fortschrittes zur Assoziation des
Kapitals in Aktiengesellschaften und anderen verwandten Bil⸗—
dungen trieben, und daß deren Durchbildung alsbald die
kaufmännischen Geister politischen Fragen erschloß: zur Prüfung
bestehender, zum Fordern besserer Gesetze, zum Vergleich der
Praxis der einzelnen territorialen Verwaltungen untereinander
auf Stetigkeit und Erfolg, ja schließlich zur Behandlung höchster
Val. dazu S. Ni ff.