Fortschritte des politischen Denkens. 439
der da, wo selbst die ersten Voraussetzungen dafür erst zu
schaffen waren, schwerlich von einer einzigen Generation er⸗
ledigt werden konnte. Sehr langsam also, eigentlich erst in
den vierziger Jahren deutlich hervortretend, sind auf deutschem
Boden im 19. Jahrhundert die Parteien erwachsen. Denn
sollten sie sich vollends in ganzer Klarheit, besonders auch in
den Beziehungen ihrer Wirkung und Gegenwirkung, unter—
einander herausbilden, so war, außer dem eigentlichen inneren
Wachstum, offenbar auch noch ein oberstes mehr exoterisches
Prinzip notwendig, nach dem sie sich gemeinsam orientierten
und schieden. Ein solches Prinzip ist aber in Deutschland erst
mit der Frage der nationalen Einheit gewonnen worden; dies
Problem aber wiederum trat dringlich vor die Seele der Nation
erst mit dem Jahre etwa 1840: wie wir schon in der äußeren
politischen Geschichte gesehen haben!, in so mancher Hinsicht
eine Grenzscheide der Zeiten.
So dürfen wir denn im Verlaufe jener Jahrzehnte zwischen
1815 und 1840, die den Gegenstand der Erzählung dieses
Bandes bilden, nicht schon erwarten, volle Parteibildungen
anzutreffen. Gewiß kam es in den Parlamenten der Klein⸗
staaten, wo es deren gab, zu parteiartigen Differenzierungen
der Mitglieder; und für diese Differenzierungen war der natür—
liche Gegensatz von Liberalismus und Konservatismus vielfach
maßgebend. Allein es war im ganzen doch selten, daß sich
die großen Linien des nationalen Lebens diesen partikularen
Bildungen entscheidend aufgeprägt hätten: und eigentlich nur
die badische Kammer kann Anspruch darauf erheben, in dieser
Zeit des öfteren Sprachrohr der Nation und Vertreterin mehr
als territorialer Anliegen gewesen zu sein.
Im ganzen verlief die Entwicklung der Parteigegensätze
und damit auch des politischen Denkens der Nation vielmehr
in den Kreisen dessen, was man gebildete Gesellschaft zu nennen
pflegte. Und jedenfalls ist dieser Verlauf der eigentlich cha—
rakteristische. Denn mit ihm hing es zusammen, daß man
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