Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Fortschritte des politischen Denkens. 441 
von Nutzen sein, daß ihre Anhänger, bei aller Neigung zu 
Deduktion und Prinzipienbildung, doch von dem Einflusse 
des konkret Werdenden und Bestehenden mächtig berührt 
wurden: und dieser Zusammenhang gab ihr schließlich auch, 
in gewissem Sinne wenigstens, einen zeitlichen Vorsprung. 
Während die praktische Lehre des deutschen Liberalismus 
erst in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts voller ent⸗ 
wickelt zu werden begann, um sich dann, noch immer recht 
doktrinär und darum vielfach vergebens, im Jahre 1848 zum 
ersten Male an der Bemeisterung der Wirklichkeit zu versuchen 
und erst in den beiden Jahrzehnten nach 1866 voll ins Leben 
zu treten, erscheint die konservative Anschauung eigentlich schon 
um 1840 abgeschlossen und hat noch völlig innerhalb der ersten 
Periode des deutschen Subjektivismus, schon in den fuünfziger 
und teilweise sechziger Jahren des Jahrhunderts ihre teilweise 
Verwirklichung erlebt. 
So wird es denn dem ersten Gesetze aller geschichtlichen 
Darstellung, dem der chronologischen Folge, entsprechen, wenn 
wir uns zunächst mit der Entwicklung der konservativen An⸗ 
schauungen beschäftigen. 
Das konservative Denken ist aus einem ganz bestimmten 
Momente der allgemeinsten seelischen und geistigen Entwicklung 
hervorgegangen. Als der höchste Subjektivismus, der rein 
national, ohne starke Einwirkungen der Antike gewonnen worden 
war, sich jenen extremen Ausschlägen näherte, die wir in der 
Geschichte der Frühromantik kennen gelernt haben, löste er 
naturgemäß eine Reaktion aus: und wir wissen schon, daß 
sich in diesem Augenblicke das eben noch mehr als sieghafte 
Subjektivitätsgefühl auf die bestehenden Mächte des Daseins 
zurückzog und sich auf sie zu stützen begann. Dieser Moment 
— letzte Höhe eines extremen Subjektivismus und beginnende 
Reaktion gegen ihn — ist der der Genesis allgemeinerer kon⸗ 
servativer Anschauungen. 
Charakteristisch trat dabei alsbald zweierlei hervor: das 
Verhältnis zu der größten geistig-praktischen Kulturmacht, der 
Kirche, und das Verhältnis zu der gewaltigsten, mehr materiell—
	        
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