Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

442 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel. 
praktischen Kulturmacht, zur Wucht der sozialen Schichtung. 
Gegenüber diesen beiden Mächten als werdenden und ge— 
wordenen hat sich der primitive Liberalismus im Grunde zu— 
nächst indifferent verhalten: unkirchlich ist er nur insofern ge⸗ 
worden, als die Kirche seine Kreise zu stören begann, und 
gegenüber der bestehenden sozialen Schichtung aufmerksam 
wurde er nur insoweit, als sich diese zum Teil auf Grund 
früher Reformgesetzgebungen umbildete. Für das konservative 
Denken dagegen bedeuteten Stände und christliche Kirche von 
vornherein stärkste Halt- und Drehpunkte der Entfaltung; und 
gelang es dabei nicht, das soziale Problem — und wie wir 
sehen werden mit ihm zugleich auch das politische — in kon— 
servativem Sinne zu lösen, da die neue wirtschaftliche und 
soziale Entwicklung über die angenommenen Prämissen mit ge⸗ 
waltigen Schritten hinwegeilte, so war um so mehr die Kirche 
für den Konservatismus von ausschlaggebender Bedeutung. 
Darum erscheint denn das konservative Denken von Anbeginn 
gleichsam dubliert durch den Klerikalismus auf katholischer und 
die pietistische Orthodoxie auf protestantischer Seite; und unter 
dem Einflusse dieser Doppelbeziehungen sind noch viel später 
die großen innerpolitischen Ereignisse der Nation vor und nach 
der Mitte des 19. Jahrhunderts ebensosehr kirchlichen wie 
staatlichen Charakters gewesen: sie beginnen mit dem Auf⸗ 
tauchen des Klerikalismus in den Kölner Wirren der dreißiger 
Jahre und dem Versuche einer modernen Verfassungsbildung 
des Protestantismus in Preußen; und sie endeten mit der 
Durchführung einer solchen Verfassungsbildung in den siebziger 
Jahren und mit dem Kulturkampf. 
Suchen wir jetzt aber zu dem Quellbereiche des konservativen 
Denkens im einzelnen vorzudringen, so ist klar, daß dieser nicht 
in den Theorien von Staatsrechtslehrern wie De Maistre, 
Albrecht von Haller oder Adam Müller, sondern vielmehr in 
den Schriften der Frühromantiker, der Novalis und Schlegel, 
und zwar vor allem Friedrich von Schlegels, zu suchen ist!. 
Im folgenden sind noch nicht veröffentlichte Unterfuchungen meines
	        
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