444 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.
Wie aber vermag nun diese Grundidee sich in der Zeit,
der Geschichte, der Gegenwart auszuwirken? Hier tritt die
außerordentliche Bedeutung der Religion, der Kirche noch mehr
hervor. Der Weltidealismus wird zur Theosophie; Gott ist
die organische Alleinheit und darum einmal, pantheistisch ge⸗
dacht, das Ganze der Welt, zugleich aber auch, entheistisch
gedacht, über der Welt als ihr Ziel und der letzte ihrer Zwecke.
So bildet sich denn eine Auffassung, die alsbald eine esoterisch
gedachte Eindeutung des Christentums, ja eine volle Ver—
schmelzung der christlichen Hauptlehren mit ihr zuließ. Und
so erscheint schon bei Novalis der pantheistische Gott, Gott
Vater, in dem entheistischen Mittler Christus zentriert: das
ist der tiefste Sinn der ergreifenden Abendmahlshymne des
Dichters.
Wenn aber mit dieser Gotteslehre die christliche Kirche in
den Mittelpunkt alles geschichtlichen Seins und Werdens tritt:
wie wurde dieses dann durch sie in seinen Auswirkungen
harmonisiert? Da enthüllte sich vor den Augen der Ro—⸗
mantiker von neuem das berückende Bild der mittelalterlichen
Concordantia catholica: verbanden sich mit den philosophischen
Grundlagen schon deutlicher gewisse Gänge geschichtlicher, ja
politischer Gedanken.
Noch entschiedener als das klassizistische Seelenleben, das
immer noch einen gewissen Beisatz von Rationalismus behalten,
ja diesen durch eine verständige Betrachtung der Antike ver—
stärkt hatte, hatte die Romantik von Anbeginn gegen die
Grundtriebe des individualistischen Zeitalters reagiert. Wie
verwarf man da doch die steife Verstandesherrschaft, die zugleich
Zerreißung aller organischen Zusammenhänge und Vereinzelung,
ja Vereinsamung jeglichen Organes bedeutet hatte! Zurück
aus der Stückhaftigkeit dieser nächsten Vergangenheit strebte
man dem harmonischen Bilde des Mittelalters zu und sah in
dionysischem Verzücktsein selbst in der Antike vor allem den
Typ eines in sich reich gegliederten Einen, Ganzen. Und so
fand man denn, daß es vor allem darauf ankomme, sich von
der modernen Erbsuünde der Trennung und Vereinzelung der