Fortschritte des politischen Denkens. 445
menschlichen Kräfte zu befreien, in der nur noch das Indivi—
duum Kultur besitze und selbst der Kuünstler zum Egoisten werde.
Dies aber sei möglich, beachte man nur, was einstmals die
Harmonie der Welt herbeigeführt und erhalten habe. Da habe
sich schon im Griechen das reine Menschentum gespiegelt, insofern
er nach dem Wesentlichen, Notwendigen, Gemeingültigen gestrebt
habe. Dieser organische Kulturharmonismus des Hellenen⸗
tums aber habe schließlich zur tiefsten Quelle die Mythologie
gehabt, denn nur sie habe ihm seinen philosophischen Gehalt,
nur sie ihm, dem Erzeugnis der fortgeschrittenen Stände, den
stetigen und lebendigen Zusammenhang mit dem Volke ver—
mittelt. Seien nun aber etwa die Erscheinungen im Mittel⸗
alter andrer Natur gewesen? Auch hier habe der Glaube,
das Christentum, die Vermittlung alles menschlichen Lebens
herbeigeführt, ein echter Sauerteig, der alles durchdringe:
und eben jene Concordantia eatholica sei die Folge gewesen,
deren sich das 13. Jahrhundert so laut habe rühmen dürfen.
Dann freilich seien die bösen Zeiten der Disgregation gekommen,
als deren Vertreterinnen mehr denn als Ursachen Reformation
und Revolution erscheinen müßten: nicht ohne Grund und
tiefere göttliche Absicht: denn eben das sei das Weltgesetz der
Entwicklung, daß die Geschichte aus Position zur Negation und
aus dieser erst wiederum zu höchster Harmonie fortschreite.
Jetzt aber seien diese Zeiten höchster Harmonie nahe herbei⸗
gekommen; ein Zeitalter neuer Einheitsbildung stehe vor der
Tür und sei nach Analogie der früheren großen Zeitalter nicht
auf Grund nationaler Vereinzelung, sondern in der Entwick⸗
lung einer neuen großen Kultureinheit vor allem mythologisch—
religiösen, glaubenstarken Charakters herbeizuführen.
Könne nun aber das bestehende Christentum, in seiner
Auswirkung in Dogmen und Konfessionen, dieser Aufgabe ge⸗
recht werden? Für die Masse gewiß! Aber neben eine schon
vorhandene oder in Bildung begriffene christliche Demokratie
müsse eine neue christliche Aristokratie treten: hervorgehend
aus den Ausschließlichkeitsgefühlen der romantischen Kreise,
aber auch in deren Streben nach echter Volkstümlichkeit: und