446 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes RKapitel.
so müsse der Gedanke der Popularität die exoterischen und
esoterischen Kreise miteinander versöhnen und einen.
Es waren Anschauungen, die freilich auf eine Umgestaltung
des Christentums, eine neue esoterische Religion vielleicht über⸗
haupt als erste zu lösende Aufgabe hinwiesen. Und selbst vor
der Inangriffnahme des ungeheuren damit gegebenen Problems
ist die Frühromantik nicht zurückgeschreckt: wie es denn in seinen
Nachwirkungen und Ausstrahlungen in der Tat die Kultur des
19. Jahrhunderts immer und immer wieder durchzittert hat.
Denn eben an Stelle der Bildung überhaupt sollte diese neue
Religion als persönliches und soziales Lebenszentrum treten.
In diesen Bereichen aber sollte sie das Gefühl bedeuten für
die Heiligkeit der Individualität in ihrem unendlichen Streben,
sich dem Universalen einzugliedern, sollte sie als „gesetzlich
organisierter Wechsel von Individualität und Universalität“
der eigentliche Pulsschlag alles höheren Lebens sein, sollte sie
sein die „Liebe selbst“.
Diese Anfänge eines religiös-kirchlichen Empfindens wurden
nun gewiß den tiefsten Frömmigkeitsrichtungen des Subjekti—
vismus gerecht. Aber konnten sie wirklich unmittelbar zu ganz
konkreten Ergebnissen, etwa gar zu kirchenartigen Bildungen
führen? Wie weit waren sie doch noch von dem groben Gefüge
jeglicher Verfassungsbildung entfernt! Aber in dem Kopfe
namentlich Friedrich Schlegels rationalisierten und konkretisierten
sie sich doch einigermaßen seit dem Beginn des neuen Jahr⸗
hunderts. Das Übermaß des Individuellen dränge zu festerem
Halt. Ein neuer sichrer gemeinsamer Boden müsse gefunden
werden, wie ihn das Mittelalter in seinem christlichen Dogma
gehabt habe; und hervorgehen müsse dieser neue Urgrund aus
einer Einigung der Geister auf literarischem und intellektuellem
und ästhetischem Gebiete überhaupt: aus einer Weltliteratur,
einer Weltkunst, einer Weltphilosophie: einer gemeinschaftlichen
Enzyklopädie als einer Geschichte und Theorie des Organismus
aller Kunste und Wissenschaften.
Wie aber diese Enzyklopädie begründen? An Stelle des
festen Zieles einer intellektuellen und ästhetischen Universalität,