Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Fortschritie des politischen Deukens. 447 
das doch niemals zu erreichen sei, trat da bald als das eigent— 
lich Beherrschende des Fortschrittes vielmehr nur der Wille zu 
ihrem Aufbau: traten die voluntaristischen und gemütvollen 
Seiten der Seele, brach hervor, was man Liebe nannte: und 
auf den Bahnen dieses Umweges kehrte, geläutert freilich und 
gleichsam innerlich subjektiviert, all dies Streben, all dies 
Sinnen zurück zu den jungfräulicheren Formen einer christlichen 
Mythologie: zu gereinigt⸗esoterischer Verehrung des mittelalter⸗ 
lichen Christentums, der mittelalterlichen Kirche. Und so er⸗ 
schien denn nun als Sinn aller künftigen Geschichte die Wieder—⸗ 
vereinigung der Menschheit, nach einer Periode der Negation, 
mit der göttlichen Ichheit zum Reiche Gottes auf Erden, 
so wie es die christliche Offenbarung fordere: das sei das Ziel 
der neuen Konkordanz, und der Katholizismus ergab sich als 
deren geborener Vermittler. Demut und Glaube daher, Samm⸗ 
lung und Stille, alles was hinzielt zu höherem Dasein über⸗ 
haupt, sollte jetzt diesem Ideale gewidmet werden: und die 
beruhigende und reinigende Wirkung der Anerkennung neuer 
objektiver Werte und eines einzigen Sinnes der Welt sollte 
die Höhe einer neuen Gesinnung aus sich hervortreiben. 
So hieß denn katholisch sein nichts anderes mehr, als die 
Religion als organischen Mittelpunkt alles Lebens anerkennen: 
und katholisch werden bedeutete mit heiligem Sinne und in 
lauterer Konsequenz die letzten Folgerungen ziehen aus den 
Gegebenheiten des Zeitalters, dem Entwicklungsgange der 
Romantik. 
Man sieht hier, was das entscheidende Moment für so 
manchen der Romantiker war, die im Schoße des Katholizismus 
Ruhe fanden: gewiß ein Reaktionsgefühl gegen extremsten 
Subjektivismus, aber nicht bloß dies, sondern zugleich ein 
positives Gefühl für den Aufbau einer neuen Welt. Nicht 
das Kloster eigentlich suchte daher diese Frömmigkeit neuester 
Art, sondern die Kirche; und nicht in den Tiefen einer neuen 
Askese, sondern im Aufbau des Systems des Klerikalismus 
des 19. Jahrhunderts fand sie Genüge. 
Da erscheint denn der ganze menschliche Kosmos zunächst
	        
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