34 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
don Mystik? Nach dieser Methode hätte man anscheinend er⸗
warten können, daß auch die cartesianische Schule zunächst die
erkenntnistheoretische Seite der Philosophie pflegen und Cha⸗
rakter und Verlauf des Denkens untersuchen würde, ehe sie
sich zur Aufstellung neuer metaphysischer Systeme entschlösse.
Allein weit gefehlt! Es zeigte sich, daß die Anregungen von
Descartes sich nicht nur zu ferneren erkenntnistheoretischen Er⸗
zrterungen, sondern fast noch viel besser zur spekulativen Kon⸗
struktion eines neuen allgemeinen, nunmehr als vollendet be⸗
trachteten Denkinhalts benutzen ließen. So wuchsen die Systeme
der Okkasionalisten heran, und so vor allem das System
Spinozas. Und sie waren, wie das einzige große cartesi⸗
mische System auf französischem Boden, das des Malebranche,
m Grunde wiederum mystisch.
Wie konnte es auch anders sein? Beruhte denn die Er⸗
kenntnistheorie des Descartes wirklich auf wesentlich induktiven
Antersuchungen über den menschlichen Verstand? Und war
seine Beweismethode tatsächlich die deduktive der Mathematik?
Wenn Spinoza, in der Beweisart durchaus ein Schüler Des⸗
cartes'), aus der Tatsache, daß der Raum Dimensionen habe,
den Schluß zog, daß Gott Attribute haben müsse: hatte er
dann wirklich „moro geometrico“ bewiesen? — Oder handelte
es sich bei ihm, wie bei Descartes, nicht vielnehr nur um
Vergleiche mit mathematischen Schlußweisen: war das Ver—
fahren nicht im Grunde nur eine dem Zeitalter wegen des
Heranziehens der Mathematik besonders einleuchtende An—
wendung des Analogieschlusses? Aber selbst wenn diese An—⸗
wendung richtig gewesen wäre, so hätte sie zur absoluten
Gültigkeit des Inhalts der mit ihrer Hilfe gezogenen Schlüsse
noch vorausgesetzt, daß der deduktive Charakter des mathema⸗
lischen Beweises über allen Zweifel erhaben sei. Das stand
nun freilich dem 16. bis 18. Jahrhundert durchaus fest: erst
das 19. Jahrhundert hat die bloß empirische Gültigkeit der
mathematischen Urteile in eingehenden Untersuchungen an⸗
scheinend nachgewiesen und jedenfalls behauptet. Allein selbst
venn das Zeitalter des Individualismus in diesem Punkte