Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Fortschritte des politischen Denkens. 469 
deutschen Mutterlande und namentlich den Rhein herab doch erst 
nach der Julirevolution. Mit äußerster Spannung folgte man 
damals den Nachrichten aus Frankreich und erörterte die Ver— 
handlungen der französischen Kammern; Volksversammlungen, 
unter denen das bekannte Hambacher Fest eine der größten und 
eindrucksvollsten war!“, wurden auch noch nach dem Jahre 1832 
gehalten, und die reaktionärere Wendung der Bundestagspolitik 
wie die Entlassung von Männern wie Rotteck und Welcker 
waren auch nicht in der Lage, zu besserer Stimmung bei— 
zutragen, so sehr es Dahlmann in Göttingen von der hannover— 
schen Regierung freigegeben wurde, gegen Klerikalismus und 
Konservatismus zu wettern. Aus dieser Atmosphäre ging dann 
der vulgäre Liberalismus der dreißiger Jahre hervor, der in 
seiner zunächst wichtigeren süddeutschen Ausbildung in Rottecks 
und Welckers Staatslexikon zu Worte kam, während die nieder— 
cheinische Spielart erst 1841 in der „Rheinischen Zeitung“ ihre 
bald radikalere Vertretung fand. 
Der suddeutsche Liberalismus, der Hauptsache nach die 
wichtigste Vorfrucht der späteren parlamentarischen Reifezeit 
der Paulskirche, bestand dabei schließlich des genaueren aus 
einer Justemilieumischung der wesentlichsten, in den dreißiger 
Jahren verlaufenden politischen Strömungen, soweit sie nicht 
von vornherein konservativ waren; er lehnte eine geschichtliche 
Begrundung des Staates nicht völlig ab, wenn er sich auch 
nicht mit den Lehren der Historischen Rechtsschule identifizierte, 
er stützte sich zum größeren Teile auf die französische Doktrin, 
und er wurde doch der organischen Staatsauffassung durch 
Repräsentationsgedanken gerecht, die ein Rückgreifen auf alte 
ständische Verhältnisse nicht gänzlich ausschlossen. So stieß er 
denn in vorwärts drängenden Kreisen nur selten an und er— 
lebte daher eine weite Verbreitung: büßte aber eben dadurch 
auch stark an Durchschlagskraft ein, wie er sich denn selbst zum 
nationalen Einheitsgedanken noch nicht völlig entschieden ge— 
stellt hat. 
S. oben S. 8396f.
	        
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