Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

36 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes RKapitel. 
daß die Mystik der älteren Systeme tunlichst verdeckt er— 
schien, verdeckt womöglich unter der Last mathematischer Be— 
weise, während bei Leibniz der mystische Charakter im Grunde 
gar nicht geleugnet wird. Natürlich war damit auch zugleich 
eine Entwicklung der Schattierung der Mystik selbst verknüpft. 
Die ältere Mystik lebt noch an Beweise gebunden, wie die 
mittelalterliche an die Offenbarung: bei Leibniz regt dagegen 
die Mystik, so namentlich in der Theodicee, zum ersten Male 
als eine Macht des Geistes an sich ohne fremdes Gängelband 
Glieder und Flügel. 
Wir werden sehen, wie diese Bewegung sich fortsetzt: und 
die Frühromantik wird sich als die eigentliche Befreiungsepoche 
der Mystik, als ihre Emanzipationszeit zum eigenen Leben 
und damit als die Zeit ergeben, da man zum ersten Male über 
ihr Wesen als solches nachdachte. 
Einstweilen aber nahm Kant als Sieger das Feld der 
Philosophie voll in Anspruch. Dabei bot er der Welt nicht 
eigentlich ein abgeschlossenes System der Philosophie; schon 
die Art, in der er arbeitete, das Erscheinen einzelner, durch 
längere Zeiträume getrennter Darlegungen, legte ihm eine 
letzte Kompilation seines Denkens nicht nahe. In der Tat 
blieben auch schon aus diesem Grunde eine Menge von Wider— 
sprüchen in seinem Denken bestehen: was zur Folge hatte, daß 
ihn bei Lebzeiten und noch länger hin die einen für einen 
Leibnizianer, die andern für einen Anhänger Lockes, die meisten 
aber für einen der damals zahlreichen Verschmelzer Leibnizscher 
und Lockescher Lehren hielten; ja daß auch der Dogmatismus, 
unter anderen selbst die Orthodoxie beider Konfessionen, wie 
der Skeptizismus ihn gleich freundlich begrüßten: und daß er, 
als gewaltigster Anreger, schließlich der Allbesieger aller wurde. 
Dabei lag es aber in der Natur der Dinge, daß bei der prak⸗ 
tischen Unerfüllbarkeit seiner Ethik, die leicht einzusehen war, 
doch vor allem der Phänomenalismus als die ihm eigene Lehre 
betont wurde: dieser hat daher vor allem eingewirkt, zumal er 
zugleich dem spiritualistischen Empfinden und Denken der Zeit 
entsprach.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.