Fortschritte des politischen Denkens. I 485
republik ist verraucht. Dabei steht er auch sozialistischen Phan—
tasien fern; die Stände erscheinen ihm als etwas geschichtlich
Gewordenes und Berechtigtes, so sehr er, erfahren und gründ⸗—
lich, für die Emanzipation der Juden eintritt. In der Politik
des Tages aber sucht er praktische, durch die Wirklichkeit be—
grenzte Lebensaufgaben zu lösen, ja verzichtet zum Teil selbst
auf diese, sofern sie eine gewisse Grenze überschreiten. „Handle,
wer sich berufen fühlt; aber keiner wage ins einzelne voraus—
zubestimmen, was werden soll; wir kennen die Welt nur einen
Schritt weit. Ich will in meine Heimat gehen, mir eine Hütte
bauen, das Weite auch ferner betrachten, aber nur fürs Nächste
wirken.“ Daß damit auch für die Emanzipationsideen, soweit
sie die Frauen betrafen, eine gewisse Einschränkung gegeben
war, steht alsbald zu vermuten. „Haltet die Ehe offen wie
der Herr des Himmels seine Hand offen erhält für den wahr—
haft notwendigen Wechsel der irdischen Welt, den Wechsel
bon Tag zu Nacht, von Schnee zu Blumen; schüttelt die Per—
sonen ab, welche durch Lügen mit dem Institute Frevel treiben,
schützet diejenigen, welche von der Unwahrheit einer Verbindung
—V— für die
Verehelichten, ... doch vermengt damit nicht die Ehe selbst.“
War nun aber eine so tiefe Resignation in den meisten
Fällen ohne schweren Bruch in der Charakterentwicklung denk—
har? Mußten nicht Männer, die mit den reinsten Absichten
alle Fragen der Zeit durchgedacht hatten oder durchgedacht zu
haben glaubten, nun Skeptiker werden, die nur noch mit „Be⸗
griffsschatten und gewesenem Enthusiasmus“ rechneten: sittlich
unterminierte Wesen, denen das Schönste dieser Welt abging,
die Leidenschaft? Es waren in der Tat die Verhältnisse, aus
denen der vollendete problematische Charakter der vierziger
Zahre, die eigentlichste psychisch⸗ epidemische Krankheitsform
dieser Zeit, hervorgegangen ist. Es wird davon später noch
die Rede sein!.
Einstweilen aber brach sich die liberale Opposition der
Im zweiten Kapitel des XXV. Buches (Band XI Teil 1).