486 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.
dreißiger Jahre wenigstens an einer, der Zeit besonders wich—
tigen Stelle eine Bresche, in ihrem Verhältnis zu Kirche und
Christentum.
III.
Wir haben schon früher, gelegentlich der Erzählung kon—
servativ-protestantischer Strömungen, von der Entwicklung
eines neuen pietistischen Christentums in protestantischen Kreisen
des Nordens wie des Südens gehört, das im Grunde auf ein
einfaches Bibelchristentum zurückging, aus dem bereits Männer
wie Hamann und Claudius, Lavater und Novalis Trost und
Anregung zu eigenständigem Glauben geschöpft hatten. Hatte
nun dieses Christentum Aussicht, den ganzen Protestantismus
zu erfüllen und für sich zu gewinnen?
In Süddeutschland nahm die Bewegung, wie sie zunächst
von kleinen Zirkeln, auch wohl von Landgemeinden getragen
wurde, und anfangs, bei dem Überwiegen der Laienelemente,
so interkonfessionell war, daß sogar Katholiken an ihr teil⸗
nahmen, bald eine Wendung ins Lutherische. Und so tauchte
der Gedanke auf, in Anlehnung an das ursprüngliche lutherische
Gemeindeprinzip eine besondere Gemeinschaft des Glaubens
und Lebens, eine Gottesgemeinde in der Welt zu bilden. Es
war ein Gedanke, durch den man auch den Dogmen und den
Symbolen des 16. und 17. Jahrhunderts näher gebracht wurde.
Man hielt sich darum zum Bekenntnis, aber in der freien
Weise, in dem man ihm entgegengekommen war, in eigner
Wahl und unter wechselnden Reservaten. So bildeten sich die
Dinge namentlich in Württemberg und Bayern aus, und die
theologischen Fakultäten wurden Vertreterinnen dieses frei
restaurierten Protestantismus. Ein zwingender Einfluß auf
den Gesamtprotestantismus aber ging aus dieser Entwicklung
natürlich nicht hervor.
Noch weniger in dieser Richtung verliefen die Dinge in
Norddeutschland, insbesondere in Preußen. Schon im Jubel—⸗
jahre der Reformation, 1817, wurden hier die Aussichten der