Die Frühromantik.
37
War nun aber Kant auf diesem Gebiete frei von Mystik?
Eben hier hat man ihm dogmatischen Rationalismus nach—
gewiesen: eine geistige Haltung also im Bereiche der von
Cartesius her verlaufenden Linie der Mystik. Freilich: von
der unbewußten Stärke der cartesianischen Zeit war diese
Mystik Kants nicht mehr; sie war aber auch noch nicht von
jener durch Selbsterkenntnis genährten Freiheit, die bald von
Schelling erreicht wurde; sie war nur ermäßigt und gleichsam
erzogen durch eine nicht geringe empirische Skepsis.
Da versteht sich denn, daß ihr Inhalt im höchsten Grade
geeignet war, einem nun wirklich freien Mystizismus die Wege
zu ebnen. Es ist der Zusammenhang, durch welchen das Ver⸗
hältnis Kants zur Frühromantik gekennzeichnet wird.
In der theoretischen Philosophie Kants finden sich im
Grunde zwei miteinander nicht vermittelte Elemente: ein rea⸗
listisches in den Dingen an sich, das auf uns wirken muß,
damit Erfahrung möglich wird, und ein idealistisches, das der
in uns liegenden apriorischen Anschauungs- und Denkformen,
durch welche die Erfahrung erst zustande kommt“. Da war
nun klar, daß eine veränderte Weltanschauung, wie sie das
neue Seelenleben der Romantik unbedingt erzeugen mußte, an
sich sowohl an das idealistische wie an das realistische Element
anknüpfen konnte.
Allein zugleich war doch auch augenscheinlich, daß die Früh—
romantik ihrer ganzen Art nach nur von der idealistischen Seite
ausgehen konnte; hatte doch schon die Philosophie der Empfind⸗
samkeit und des Sturmes und Dranges stark phänomenalistische
Neigungen entwickelt?. Vor allem aber wies in diese Richtung
die psychologische Grundtatsache der Periode, der extreme Sub⸗
jektivismus.
Das Mittelalter hatte den Vorteil gehabt, einem absoluten
und unbezweifelten Anthropozentrismus huldigen zu dürfen:
ihm hatte der Mensch wirklich noch Mittelpunkt der objektiven
S. Band VIII 2 S. 344 f.
2 S. Band VIII 1 S. 283-384.