Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Fortschritte des politischen Denkens. 487 
Bewegung durch die 9 neuen Thesen des warmherzigen Kieler 
Pfarrers Claus Harms geschädigt, die den neuen Pietismus 
gegen den Rationalismus zugunsten einer neuen Orthodoxie 
einzuspannen drohten: „Mit der Idee einer fortschreitenden 
Reformation, so wie man diese gefaßt hat, reformiert man das 
Luthertum in das Heidentum hinein und das Christentum aus 
der Welt hinaus.“ In Preußen selbst gerieten die Bestrebungen 
der einzelnen pietistischen Zirkel bald unter die Oberleitung be⸗ 
stimmter Persönlichkeiten, die zu den orthodoxen Neigungen des 
Hofes Beziehungen hatten. Zum Hauptorganisator wurde dabei 
seit 1827 der Berliner Professor Hengstenberg, nicht eigentlich 
ein einfältiger Frommer, sondern ein religiöser Fanatiker und 
Hierarch, und wie sich danach von selbst versteht, zugleich ein 
Politiker des engsten Konfessionalismus. Hengstenberg hat 
dann mehrere Jahrzehnte hindurch als Leiter der Evangelischen 
Kirchenzeitung die religiöse Bewegung im Lande so beherrscht, 
daß sie der Orthodoxie zugute kam; von dem Aufblühen eines 
freieren Christentums war bald nicht mehr die Rede. 
Zu den merkwürdigsten Bildungen brachte es die neue 
Orthodoxie in ihrer engen Begrenzung aber in einigen kleinen 
nord- und mitteldeutschen Staaten, in Mecklenburg vornehmlich 
und in Kurhessen. Hier wollten sich Kliefoth und Vilmar 
keineswegs mit der Wiederaufrichtung des alten Bekenntnis- 
standes des 16. Jahrhunderts begnügen: dessen Zeugnisse seien 
nicht unmittelbar Gottes Wort; man müsse Gott näherkommen 
durch die Sakramente; sie allein seien drastischen Charakters; 
—D Menschenleben hineingreifende 
Arm Gottes selbst“ zu gelten. So wurde denn den Eiferern 
die evangelische Kirche wieder zur Sakramentsanstalt und der 
Prediger zum Priester. Und mit dem mittelalterlichen Kirchen⸗ 
deal zog in diese Köpfe auch die ganze Heerschar mittelalter⸗ 
licher Vorstellungen überhaupt ein. Vilmar zum Beispiel glaubte 
an den leibhaftigen Teufel. Fur den Christen, so führte er 
in seiner „Theologie der Tatsachen wider die Theologie der 
Rhetorik“ (1836) aus, komme es darauf an, „des Teufels 
Zaͤhnefletschen aus der Tiefe gesehen (mit leiblichen Augen
	        
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