Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

488 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel. 
gesehen; ich meine das ganz unfigürlich) und seine Kraft an 
einer armen Seele empfunden, sein Lästern, insbesondere sein 
Hohnlachen, aus dem Abgrund gehört zu haben“ ... 
Ging die pietistische Bewegung in ihrem tiefsten Grunde 
bis auf die Zeiten des Sturmes und Dranges zurück, so war 
das Christentum Schleiermachers ein Erzeugnis der Romantik; 
der Klassizismus hat es bezeichnenderweise zu keinerlei Art 
christlich moderner Frömmigkeit gebracht. Und so hätte man 
wohl erwarten können, daß, während die Bewegung des 
Sturmes und Dranges in die Orthodoxie verlief, wenigstens 
die der Romantik ihren selbständigen Wert behaupten werde. 
Allein bewies die Schwäche der Theologie Schleiermachers 
nicht schon der Umstand, daß sie sich unfähig zeigte, die 
ältere freie Richtung in sich aufzunehmen und durch sich zu 
reinigen? Diese Lehre war zu tief mit der Philosophie der 
Romantik verknüpft, um ganz eigenständig und darum durch— 
schlagend zu wirken: zum ersten Male in subjektivistischen Zeiten 
zeigte sich damit die christliche Theologie auch in zeitgemäßeren 
Formen ohnmächtig, gegen die freie Bildung von Weltanschau— 
ungen obzusiegen. Doch muß dabei zugestanden werden, daß 
die romantische Philosophie diesen Sieg nur errang, indem sie 
ihre Lehre den Lehren des Christentums und die Lehren des 
Christentums wiederum ihrer Lehre soweit anpaßte, daß für 
den Laien der Unterschied fast zu verschwinden schien. Ins— 
besondere Hegel ist da von skrupelloser Tätigkeit gewesen. 
Doch hatte bereits Kant merkwürdige Übereinstimmungen auf— 
gefunden. War aber auf diese Weise nicht scheinbar ein Be— 
weis des Glaubens gelungen? Und dies um so mehr, je mehr 
sich die philosophischen Systeme der Romantik im Verlaufe 
ihrer Entwicklung zu rationalisieren schienen? 
Es war die Methode, durch die Schleiermachers Lehre 
schließlich für weitere Wirkungen so gut wie aus den Angeln 
gehoben wurde: um 1880, mit dem vollen Siege der Philo— 
sophie Hegels, erschien auch ein subjektives Christentum in den 
Formen der Orthodorie, weil durch subjektive Dialektik ratio— 
aalisiert, vollkommen am Platze.
	        
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