Fortschritte des politischen Denkens. 491
den Theorien Schillers läßt sich die Neigung, religiöse Probleme
ästhetisch zu betrachten, bei Hamann, Herder und anderen
wahrnehmen. Es ist der Anfang jener Versuche, die Re⸗
ligion durch die Kunst zu ersetzen und damit die dogmatische
Bindung durch eine kultische Narkose abzulösen, die dann in
den Anfängen der zweiten Periode des Subjektivismus so
zahlreich und so erfolglos hervortraten. In den dreißiger
Jahren legten sie die Rettung einer freieren Frömmigkeit und
den Kampf gegen die christliche Orthodoxie den Literatoren,
den Dichtern besonders nahe.
Waren diese aber dem Strauß, den sie da begannen, ihren
Kampfeswerkzeugen und ihrer inneren Veranlagung nach ge⸗—
wachsen? Gutzkow hat in seinem Roman „Maha Guru, die
Geschichte eines Gottes“ (18383), einer Erzählung aus dem Be⸗
reiche des tibetanischen Dalai Lama, deren Analogien mit dem
Christentum mit den Händen zu greifen sind, den Versuch
gemacht, darzutun, daß wahre Menschlichkeit höher stehe als
falsche Göttlichkeit. Mundt hat in seiner „Madonna“ (1835)
eine rein gefühlsmäßige, höchstens ästhetisch-mythologische und
poetisch⸗geschichtsphilosophische Umdeutung der Hauptatsachen
der christlichen Heilslehre gegeben und die Grundidee des
Christentums in dem Gedanken gesehen, daß „ich ein Christ
bin, wenn Gott und Welt sich in meiner Menschenbrust zu⸗
sammenfinden“. Und diese Interpretation hat er dann bis
zum letzten Ende geführt: „die Verweltlichung Gottes durch
das Christentum war nicht bloß ein einmaliger und abgeschlossener
Akt der Gnade, sondern eine unendlich sich wiederholende Ema⸗
nation. Diese unendliche Weltwerdung Gottes ist die Ent—
wicklungsfähigkeit der Geschichte; Welt und Geist sind gleich
gewaltig geworden und fließen vereinigt in einem Strome der
Geschichte dahin.“ Gutzkow endlich hat in seiner , Wally“ (1835)
diese extrem subjektivistische Deutung des Christentums, die wie
eine Übertrumpfung der täuferischen Lehren des 16. Jahr—
hunderts wirkt, vollendet, indem er die Offenbarungstatsachen
pöllig hinwegdiskutierte und auf rein individualpsychologischem
and intellektualistischem Wege als Urgrund aller Religion die