Fortschritte des politischen Denkens. J 503
Und so war ihm zwar, konsequent vom Standpunkte des dies⸗
seitigen absoluten Ichs, der Glaube ein rein menschliches Produkt,
die Götterwelt ein Reich eingebildeter Wunschwesen und die
Religion, vornehmlich die christliche, ein Erzeugnis der Selbst—
vergötterung egoistisch-kranker Herzen. Aber er glaubte, Stifter
einer neuen Religion, den Glauben durch die Liebe ersetzen zu
können: in ihrer Zentralisation gewinne die Philosophie „dem
Leben als solchem religiöse Bedeutung ab“; zu ihr als dem
erhabensten Ideale bete im Grunde die Menschheit.
Wurde aber damit nicht tatsächlich das Herzstück des noch
lebendigen Christentums anerkannt? Und bewährte sich nicht
die Philosophie eines stärker gewordenen Wirklichkeitssinnes
eben in dieser neuen Fassung? Schien es jetzt nicht möglich,
vom Christentum abzustreifen was dieser innersten Keimmasse
nicht mehr völlig entsprach?
Wir vermögen uns heute nur schwer noch eine Vorstellung
zu machen von der Wucht, mit der diese und verwandte Ge⸗
danken in den vierziger Jahren wirkten. Hier schien das starke
Motiv einer religiösen Revolution gewonnen und bloßgelegt;
und schon begann es in dem Gebälk der bestehenden Kirchen
zu knistern, zu krachen, zu brechen.
Seit dem Jahre 1841 hielten die alten, nie ganz aus—
gestorbenen protestantischen Rationalisten Magdeburgs öffent—
liche Konferenzen ab zur Begründung eines vernunftgemäßen
praktischen Christentums und begründeten einen Verein der
Lichtfreunde“ oder „Protestantischen Freunde“. Die Be—
wegung griff in der Provinz Sachsen um sich; ihre Seele
waren bald zwei Pastoren, der biedre Uhlich in Magdeburg
und der lebhafte Wislicenus in Halle. Einen größeren Auf—
schwung konnte man seit 1844 feststellen; es begannen zahl⸗
reiche Austritte aus der Kirche; seit 1846 erlebte man die
Bildung „Freier Gemeinden“, die ersten waren die von Halle
und Koͤnigsberg. Und mittlerweile hatte es sich sogar in der
katholischen Kirche zu regen begonnen. Die Ausstellung des
Heiligen Rockes zu Trier im Jahre 1844, vielen freier Ge—
sinnten eine unmittelbare Blasphemie und Gegenstand unzähliger