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Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
Dies Interesse am politischen Leben wie am Geistesleben seiner
Zeit überhaupt hat ihn denn auch in seiner philosophischen
Entwicklung während der Frist von nicht einem Vierteljahr⸗
hundert, von 1790 bis zu seinem Tode, mehrere in sich ziem⸗
lich abweichende Phasen philosophischen Denkens durchlaufen
lassen: eine um so bemerkenswertere Tatsache, als er in vieler
Hinsicht zu den festest angelegten Charakteren seiner Zeit ge—
hört hat. Freilich bezogen sich diese Wandlungen vornehmlich
auf seine Sitten- und Rechtslehre, also mehr Einzelgegenstände
philosophischen Denkens. Fichtes Gedanken auf diesem Ge—
biete, wenigstens auf dem der Staatslehre, sind im Zusammen⸗
hange mit den sozialistischen Theorien später wichtig geworden;
auf die philosophische Strömung seiner Zeit dagegen wirkten,
und zwar im höchsten Grade durchschlagend, mehr die Prin—
zipien seiner Wissenschaftslehre ein, die, wir wissen es schon,
zum ersten Male im Jahre 1794 erschienen ist.
Die Wissenschaftslehre war nach Fichtes Absichten nur ein
notwendiger Vorläufer seiner praktischen Philosophie, und das
hieß eben einer Neugestaltung der Sittenlehre und der Rechts—
anschauung: für diese sollte in einer Untersuchung unserer Er—
kenntnis der theoretische Untergrund gelegt werden. Fichte
ging hierbei, nach der Art seines Vortrages, im Gegensatz zu
Kant, zugleich aber in Übereinstimmung mit Ideen, die auch
sonst in seiner Zeit, z. B. bei Reinhold und Schulze, zum
Ausdruck gelangten, von der Anschauung aus, daß es un⸗
umgänglich notwendig sei, die gesamte theoretische Philosophie
aus Einem Grundsatze abzuleiten. Und indem er von dieser
Forderung aus das Kantsche Denken untersuchte, kam er zu
dem Satze, daß die Entwicklung unserer Vorstellungen nicht,
wie Kant lehrte, von einer doppelten Seite her vor sich gehe,
nämlich durch Affektionen, die die Dinge auf das Subjekt
ausüben, und durch eine Tätigkeit des Subjekts, welche diese
Affektionen unter Anschauungs- und Denkformen ordne: sondern
daß sie vielmehr einfacher Natur sei: denn sie beruhe aus—
schließlich auf der Tätigkeit des Subjekts, das an die Affektionen
nicht bloß die Anschauungs- und Denkformen heranbringe,