Die Frühromantik.
48
Bewegten wir uns bisher nur auf erkenntnistheoretischem
Gebiete, sah auch Fichte in seiner Wissenschaftslehre zunächst
nichts als eine Verbesserung der Kritik der reinen Vernunft,
ja ein nun erst wirklich vorhandenes System der reinen Ver—⸗
nunft, so erweiterte sich doch diese bloße Erkenntnistheorie sehr
rasch zu einer ganzen Weltanschauung. Denn früh schon führte
Fichte aus, daß die vom Ich gesetzte These und Antithese nun
wirklich und an sich so beschaffen sei, wie man sie denke, mithin
die logische Wahrheit für unseren Verstand und jede von uns
denkbare Intelligenz zugleich reale Wirklichkeit sei. Von da
war es dann allerdings nicht mehr weit zu dem Satze, daß
unserem in These, Antithese und Synthese verlaufenden Denken
der Verlauf der Dinge an sich und in der objektiven Wirk—
lichkeit entspreche. Und es versteht sich, daß damit die ob—
jektive, außer uns befindliche Welt restlos der Welt unseres
Innern einverleibt wurde und als Schöpfung dieser erschien;
es war der absolute Sieg einer Weltanschauung, die nur den
Geist als im Grunde seiend anerkennt, es war die Ausbildung
eines in sich völlig folgerichtigen idealistischen Monismus.
Aber verflüchtigten sich in dem Augenblicke, da der Philo⸗
soph mit der Betonung der absoluten Souveränität des Ver⸗
standes Ernst machte, nicht zugleich alle sittlichen Prinzipien?
In der Tat verwarf Fichte auf sittlichem Gebiete die drei
Postulate der Freiheit, der Unsterblichkeit und Gottes, die Kant
als Warner und Erzieher menschlichen Willens noch aus den
Zeiten des Rationalismus übernommen hatte: nach seiner
Lehre mußte sich das sittliche Bewußtsein zur Durchführung
seiner selbstgesetzten Zwecke lediglich selbst genügen, und die
menschliche Freiheit bedurfte zum Guten keinerlei göttlicher Hilfe.
Indes nachdem Fichte gegen Ende des 18. Jahrhunderts
diese radikalste aller Lehren vom absolutesten sittlichen wie in—
tellektuellen Absolutismus des Ichs aufgestellt hatte, trat ihm
doch bald die Frage entgegen, wie sich denn mit dieser Auf—⸗
fassung die tatsächliche Mehrheit des Ichs in der Erscheinungs—
welt vertrage? Mußte denn seine Philosophie nicht alle In—
dividuen außer mir als nur von meinem Bewußtsein realisiert,