Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

50 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
Philosophen diese Dialektik etwas ganz Selbstverständliches 
gewesen; und die Möglichkeit rationaler Urteile, deren De— 
duktion Kant als das Schwerste in der Metaphysik erklärt 
hatte, haben sie daher als das Leichteste von der Welt, ja als 
etwas ganz Selbstverständliches betrachtet. Natürlich aber 
wurden sie durch all dies, an den allgemeinen Denkanforde— 
rungen ihrer Zeit gemessen, höchst unzuverlässige und unsaubere 
Denker: Kant steht an Strenge und Behutsamkeit des Schlusses 
mindestens um ebensoviel über ihnen, wie er an Tiefe des 
Vorstellens den seichten Eklektizismus der Wolffianer und der 
Popularphilosophen seiner Zeit überragt hat. 
Aber war das in den Augen der romantischen Philo— 
sophen etwa ein Fehler? Vor allem Fichte hat gar nicht die 
Absicht der gemeinen Deduktion gehabt; er entfernte ja aus 
der Erkenntnis den empirischen Faktor; er unternahm es viel⸗ 
mehr, den Stoff und die besondere Form der Erfahrung ganz 
aus der Wunderwirkung einer sich ins Unendliche setzenden, im 
Grunde nichtigen, aus und mit nichts schaffenden geistigen Tätig⸗ 
keit hervorzuzaubern. Demgegenüber machte dann Schelling, 
vornehmlich naturphilosophisch tätig, der Wirklichkeit allerdings 
schon wieder Zugeständnisse, aber nur halbe, ja nur scheinbare, 
denn er tat es nur ideologisch. Dies alles aber entsprach 
ganz den eingeborenen Gesetzen jeder Mystik. Das Impulsiv⸗ 
Radikale, das Voraussetzungslos-Behauptende, bei stärkster In⸗ 
tensität des Empfindens das Hellseherische, Prophetische ist stets 
Erbteil mystischen Denkens gewesen. Dies aber besaß neben 
Fichte eben auch Schelling; und in der Geschichte der Wissen⸗ 
schaften wird noch zu erzählen sein, mit welch sicherer Pro⸗ 
gnose er in seiner Naturphilosophie das Wesentliche des Ent— 
wicklungsganges der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert 
vorweggenommen hat!. 
Da läßt sich denn die Einwirkung, welche die Philosophie 
der Frühromantik ausübte, freilich nicht nach der Sicherheit 
ihrer Schlüsse und nach dem Grade ihrer rationalen Wider— 
S. unten im zweiten Kapitel Abschnitt IV.
	        
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