Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

58 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
und dem Pathos des Sturmes und Dranges, erklärt Schleier⸗ 
macher vielmehr in einer mystisch-poetisch⸗rhetorischen Sprache, 
deren Überschwang heute teilweise fast unverständlich wirkt, die 
Religion als „das Gefühl für das Unendliche im Endlichen“, 
für ein vom sittlichen Leben und reflektierten Denken getreuntes 
mystisches Empfinden des einzelnen: das Herz, das sich selbst 
empfindet, schafft sich schon dadurch eine Religion: seiner 
Stimmung entquellen die Gefühle der Demut, der Liebe, der 
Dankbarkeit, des Mitleids, der Reue; und deren verschieden— 
artige Abgrenzung nach Art und Bedeutung bedingt die Ver— 
schiedenheiten der Religionen. 
Dieser subjektiven Verinnerlichung der Religion entsprechend 
ist Schleiermacher dann der Glaube natürlich nicht an irgend— 
welche Autorität geknüpft oder gar an sie gebunden; selbst 
Gott und die Unsterblichkeit sind keineswegs Voraussetzungen, 
sondern nur Ergebnisse der Reflexion frommen Gefühles. Noch 
weniger aber ist Frömmigkeit und Religion auf eine äußerliche 
Heilsanstalt angewiesen: die Zeit wird kommen, wo es keine 
Priester, kein organisiertes Lehramt, keine Tempel mehr gibt, — 
Einrichtungen zum Nutzen nur solcher, welche die Religion erst 
suchen: und an die Stelle treten wird die allgemeine Voll— 
kommenheit des religiösen Empfindens bei allen, mögen sie aus 
der Religion ein Studium machen oder als fromme Brüder 
in werktätigem Dasein dahinleben. 
Man sieht: das geschichtliche Christentum, wie jede ge— 
schichtliche Erscheinung der Religion überhaupt, entschwindet 
diesen Spekulationen, der menschlich-soziale Zusammenhang der 
Individuen, ja jeder Begriff der Gemeinschaft überhaupt nicht 
minder: es ist der Paroxysmus des isolierten, gleichsam in luft⸗ 
leeren Raum versetzten romantisch-religiös fühlenden Herzens. 
Und doch war dies der Standpunkt, den Schleiermacher, seit 
1804 Professor der Theologie und Philosophie zu Halle, seit 
1809 Prediger an der Dreifaltigkeitskirche in Berlin und bald 
Theologieprofessor zugleich, lange Zeit hindurch in reinster Be— 
geisterung und zäher Willenskraft festgehalten hat. Von ihm 
aus erschien ihm dann aber die Religion seiner Zeit, hinaus—
	        
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