30 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
stellung der Menschheit in sich auf die Natur organisierend
zurückzuwirken, und aus ihr heraus durch innere höhere,
geistigere Formen der Organisation und der Symbolisierung
Sprache, Kunst und Religion zu erschaffen: Grundlagen und
Brenzen zugleich einer freien persönlichen Erhebung des Ge—
müts zu Gott.
Man darf sagen, es sind die wichtigsten Bausteine einer
romantischen, extrem subjektivistischen Gottesverehrung, die
Schleiermacher auf diese Weise fast ausnahmslos zusammen⸗
getragen und zu dem Aufrisse eines Systems geschichtet hat.
Und schon verbindet sich mit ihnen eine dynamisch-evolutionistische
Auffassung der Religion, die, freilich gegengewogen durch eine
zunehmend einseitige Auffassung des Christentums, erst in
unseren Tagen von neuem gewonnen worden ist und Schleier—
machers Nachwirkung von neuem erhöht hat.
War nun aber mit so extrem subjektivistischen Betrach—
tungen eine Kirche zu erhalten oder zu begründen? Ent—
sprachen sie nicht in gewissem Sinne den extrem-subjektivistischen
Anschauungen des jugendlichen Wilhelm von Humboldt vom
Staate? Noch Schleiermacher selbst hat in seinen späteren
Jdahren die Nation aus einer übermäßig subjektivistischen Auf—
fassung zu einem tieferen Verständnis auch der religiösen freien
Persönlichkeit hingeleitet. Das selbstherrliche religiöse Gefühl
des Herzens seiner frühesten Schriften wurde nun zum frommen
Gemeingefühl und suchte Anhalt an der von Christus aus—⸗
gegangenen Gemeinschaft der Gläubigen.
Vollendet erscheint der Prozeß dieser Wandlung Schleier⸗
machers in dem Werke über den christlichen Glauben nach den
Grundsätzen der evangelischen Kirche (1821). In ihm ist denn
in der Tat zum ersten Male die Moͤglichkeit einer Versöhnung
zwischen Subjektivismus und Christentum eingehender begründet.
Während bis dahin alle positiven Gegebenheiten des Christen—
tums von der dichterischen Romantik in den Nebel religiös—
mystischer Empfindung, von der spekulativen Philosophie in
S. Band IX S. IIG ff.