Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Frühromantik. 
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bezeichnender als das Urteil Otto Ludwigs, eines Dramatikers 
und Erzählers also der nächsten Periode, daß das Grundwesen 
der Romantik aus der Flucht vor dem Trivialen bestanden habe: 
ein negatives Urteil also, das als positiv Wichtigstes doch höchstens 
noch das Jagen nach neuen Empfindungsweisen zuläßt. 
Die Romantik war zunächst mystische Grundempfindung. 
Konnte sie nun von dieser Wurzel her zu so anschaulichen und 
greifbaren Formen der Dichtung, wie Drama und Erzählung, 
uͤberhaupt in nähere Beziehungen treten? Nur ihrem Uni— 
versalismus ist es zu danken, daß beide Formen überhaupt ge⸗ 
pflegt wurden. Aber natürlich geschah das in den Grenzen 
der allgemeinen seelischen Lebensvoraussetzungen — und eben 
darum keineswegs mit Vollkommenheit. 
Im Drama gelang es der Romantik nicht, das alles andere 
bedingende Moment der Schicksalsführung klar zu erfassen. Wir 
haben früher gehört!, wie dies schon dem Klassizismus schwer 
gefallen war: die Transzendenz im alten Sinne, der Christengott 
als Schicksalssender, ließ sich nicht aufrechthalten. Noch weniger 
natürlich war das in der ursprünglichen Romantik, im extremen 
Subjektivismus, möglich. Also hätte man statt dessen die Im— 
manenz im neuen Sinne bevorzugen sollen. Allein das wäre der 
Übergang zu einem unerhörten Realismus gewesen, den im 
Grunde erst die naturalistischen Anfänge der zweiten subjekti— 
vistischen Periode gebracht haben: es hätte die Selbstverneinung 
der Mystik bedeutet. Und so blieb nichts übrig, als daß die 
Schicksalsidee in spielenden, träumerischen, illusionistischen, ex⸗ 
trem subjektiven Formen gesucht wurde. 
Da fand sich denn zunächst das Märchendrama ein: uralte 
Fabeln, in denen die Impulsivität einer vorzeitlichen Psycho⸗ 
logie waltet, die mithin nach modernen Begriffen jeder ver— 
nünftigen Motivierung zu entbehren scheinen, waren am ehesten 
geeignet, sich einer Schicksalsidee unterstellen zu lassen, die im 
Grunde die der Willkür war. Allein ließen sich diese Fabeln, 
so behandelt, bis zur Höhe einer modern⸗theatralischen Illusion 
S. Band VIII, 2, S. 516 ff.
	        
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