Die Frühromantik.
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licher Erfindungen hin und her geschüttelt, den ruhigen Horizont
einer festen Weltanschauung und versank damit in die Zweifel
des Urteilslosen.
So war es denn schließlich die niederste Gattung, das
Zauberdrama, die noch am besten gedieh. Aber auch sie doch
nur da, wo eine schon recht populär gewordene Romantik an
ein theatralisches Herkommen Anschluß fand, dem alte Narren⸗
spielkünste und selbst der Hanswurst noch nicht ganz fremd
geworden waren. Es war in Wien der Fall: aus dieser Kom⸗
bination wuchsen schließlich, in den Zeiten der Spätromantik,
die prächtigen und gemütreichen Stücke Raimunds hervor, von
denen einige, wie der Verschwender, noch heute nicht selten
gegeben werden!.
Über all dies hinaus aber wäre der Romantik, insofern sie
aus dem extremen Subjektivismus bald gebundenen Idealen,
vor allem auch des Christentums anheimfiel, freilich auch, so
sollte man denken, ein Drama mit der Schicksalsführung des
16. bis 18. Jahrhunderts, letzter christlich firmer Zeiten, mög—
lich gewesen: und Calderon und Shakespeare, beide von den
Romantikern nicht bloß gerühmt, sondern auch praktisch hoch
geschätzt, hätten hier Vorbilder bieten können. Indes konnte
auf diesem Boden mehr als eine künstliche Kunst erstehen?
Calderon und Shakespeare hatten aus den psychischen Be—
dingungen ihrer Zeit gewirkt und darum ein lebensvolles
Ganzes geschaffen; die neue Nachahmungskunst hatte nicht dies
feste Fundament; sie schuf im Grunde doch immer aus einer
gegenwärtigen Willkür. Und so erzeugte sie nur Scheinleben;
ihre Technik war gemacht, ihr Wundersames übertrieben; ihre
Vorbilder verflachten. Und hätte man, historisch unmöglich,
selbst Calderon und Shakespeare übertroffen, so würde das
Ergebnis unbefriedigend gewesen sein. Goethe hat das als
Schauspieldirektor in Worte klarer Erfahrung gefaßt: „Bringt
man so etwas irgendeinem Publikum, so setzt man bei dem—
selben immer guten Willen voraus, daß es geneigt sei, auch
S. darüber Genaueres unten Kapitel 2 Abschnitt III.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. X. 5