Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
das Weltfremde zuzugeben, sich an ausländischem Sinn, Ton
und Rhythmus zu ergötzen, und aus dem, was ihm eigentlich
gemäß ist, eine Zeitlang herauszugehen.“
Muß im übrigen noch bemerkt werden, daß unter diesen
Umständen die Romantik, namentlich in ihren frühen Formen,
die Technik des Dramas nicht gefördert hat? Eine wirkliche
Charakterzeichnung war in ihren Schöpfungen ja nur in Aus⸗
nahmefällen denkbar; im ganzen schwanden die Charaktere in
Maͤrchengestalten zusammen, die urzeitlich schematisch angelegt
wurden; und oft waren sie noch nicht einmal dies, sondern nur
dramatische Haubenstöcke, Träger gewisser Ideen, Symbole,
Allegorien, wie die Figuren der sinnreichen Rederijker aus den
frühesten Anfängen des deutschen Dramas im 15. Jahrhundert!.
Und über diesen Wesen sollte sich, bei gänzlicher Abwesenheit
sicherer Schicksalsführung, eine wirklich dramatische Handlung
haben aufbauen können? Da klafften überall die gröbsten
Sprünge in der Motivierung; von dem Universalmittel des
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letzte Klammern des Zusammenhanges zu lösen drohten; und
half alles nichts, so beruhigte man sich eben ganz einfach bei
Lem Gedanken des Irrationellen, schlechthin Unverständlichen
und Wunderlichen.
Dabei versteht sich, daß dieser böse Verfall der Technik
aus dem höheren romantischen Drama auch auf die zeit—
genössische dramatische Marktware zurückwirkte. Es ist ein
Moment, das sich zur Entlastung von Fabrikanten, wie Kotzebue
anführen läßt, wenn auch damit deren schleppender Dialog,
deren alberne Spaßlosigkeit bei allen Späßen und deren stillose
Wiedergabe einer unbehilflichen Alltäglichkeit nicht entschuldigt
werden soll.
Im romantischen Drama aber stellte sich allmählich aller—
dings ein Stil ein; aber er war alles andere als dramatisch.
Es entstand das stilvoll durchgebildete Lesedrama und für das
aufgeführte Drama eine Schauspielkunst ohne dramatischen Nerv.
S. Band IV, 301 f., VI, 251 ff.