Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Frühromantik. 
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Die Erzählung des individualistischen Zeitalters war im 
Grunde noch eine Aventüre gewesen oder, im Roman, eine 
Sammlung von Abenteuern, die sich um eine Person gruppierten. 
So wollte es die Kasuistik der Erfahrung, und so schadete es 
auch nichts, wenn neben den Abenteuern noch ein ganzer bunter 
Raritätenkasten von Anekdoten, allerlei „kuriosem“ gelehrtem 
und traditionellem Detail, Hausbackenheiten, Bauernregeln, Vor⸗ 
schriften bürgerlichen und höfischen Lebens in einem Roman 
zum Auspacken gelangte. Es war dem Leser dabei zumute, 
als schlüge er ein Konversationslexikon auf; das Utile cum 
dulci sollte ihm behagen; an eine bestimmte Tendenz, einen 
inneren starken Zusammenhang, eine Evolution gar der Erzählung 
dachte niemand. Im Simplizissimus am ehesten könnten noch 
solche Motive gesucht werden; allein die schließliche Besserung 
des Helden wird doch auch hier durch ein ganz mechanisches 
und für sich stehendes Mittel, das Vertreiben auf eine einsame 
Insel, erreicht. Freilich, dem Leser der Zeit erschien dieses 
Mittel immerhin als ein göttliches Wunder und somit mo— 
tiviert: nach der Zuversicht des Autors wird er „die göttliche 
Barmherzigkeit preisen, wenn er findet, daß ein so schlimmer 
Gesell ... dennoch die Gnade von Gott gehabt, der Welt 
zu resignieren und in einem solchen Stand zu leben, darinnen 
er zur ewigen Glori zu kommen verhofft“: und so siegt zu 
guter Letzt wie im gleichzeitigen Drama der christliche Schicksals— 
gedanke. 
Der Periode des Simplizissimus aber war dann, mit dem 
Zeitalter des Subjektivismus, der empfindsame Roman gefolgt, 
Werthers Leiden hatte die Welt erobert; und eine letzte, der 
Romantik sich schon nähernde Blüte war mit den litera— 
rischen Erfolgen Jean Pauls erreicht worden. Leitete da nun 
nicht schon die zum Himmel strebende Empfindung Jean 
Pauls, die bei allem innerlichen Zuge zum Mystischen dürftige, 
aber doch ein wenig realere Anschauung, die spielende, von 
Bild zu Bild gaukelnde Sprechweise mit ihren gelegent— 
lichen Wirklichkeitsaphorismen zu höheren romantischen Formen 
über? Ja war Jean Paul nicht ganz schon ein Romantiker?
	        
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