Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
durch auch nur eine Generation erhalten? Schon Brentano 
seufzt: 
Ach, wo ist Bleibens auf der Welt, 
Ein redlich, ein gefriedet Feld, 
Ein Blick, der hin und her nicht schweift. 
Und Dies und Das und Nichts ergreift, 
Der Geist, der sammelt und erbaut — 
Ach, wo ist meiner Sehnsucht Braut? 
Solange aber die mystische Sehnsucht fortwährte, so 
lange hat auch die sonderbare Blüte eigenartiger lyrischer 
Formen weitergeduftet, die eben dieser Sehnsucht gerecht wurde. 
Da stellte sich denn vor allem eine Verschärfung der Sinne 
für die leisen, gleichsam mystischen Bewegungen der Dinge ein, 
in der allmählich Farbenerscheinungen in Tonempfindungen, 
Tonempfindungen in Geschmäcke übergingen: kurz eine Aus— 
gleichung aller Reize auf eine Art gemeinsamen mystischen 
Nenners eintrat. So wurde die Poesie „Musik für das innere 
Ohr und Malerei für das innere Auge; aber gedämpfte Musik, 
aber verschwebende Malerei“, und zu den Zeiten etwa, da 
sich, in einem fortgeschrittenen Stadium dieser Entwicklung, 
der Kapellmeister Kreisler von Hoffmanns Erfindung auf ein 
Kleid in Cis-Moll einen Kragen aus E-Dur aufsetzen ließ, 
konnte De la Motte Fouqué entzückt die Vermischung aller 
Sinnesreize zu dem Eindrucke eines Gesamtkunstwerks besingen: 
Linde säuseln kühle Lüfte, 
Und im süßen Himmelsglanze 
Bilden spielend sich zum Kranze 
Toöne. Worte, Farb' und Düfte. 
Mit den Formen phantasievoller Perzeption verschoben sich 
aber auch deren Gehalte. Jetzt wurde der heitere Lenz Anlaß 
zu melancholischer Stimmung, und die braunen Töne des 
Herbstes ermutigten zu freudigem Eingehen in die Lust der 
Winterszeit. Jetzt galt das Ideal des kräftigen Mannes nicht 
mehr; Bildsamkeit, Weichheit, Fähigkeit anbetender Liebe der 
Jugend wurden gerühmt, und an der Milde des Greisenalters 
haftete der bewundernde Blick. Ja selbst das Verhältnis der
	        
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