Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

76 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
selbst dem Denken Nietzsches schon verwandt, eine zarte Mimosen⸗ 
natur, verband er, nicht ohne Gegensatz zu Goethe, noch klassi⸗ 
zistische Neigungen im Sinne Schillers mit vorzeitigen Emp⸗ 
findungen der Frühromantik; und in herrlichen Strophen, 
mit einer jeglichen Ausdrucks fähigen Sprache hat er heid⸗ 
nische Frömmigkeit christlichen Anschauungen, hellenische Natur— 
auffassung deutschem Landschaftsgefühl vermählt: 
Wenn, umdämmert von der Weide, 
Wo der Bach vorüber rinnt, 
Tief bewegt von Leid und Freude, 
Meine Seele träumt und sinnt; 
Wenn im Haine Geister säuseln, 
Wenn im Mondenscheine sich 
Kaum die stillen Teiche kräuseln 
Schau' ich oft und grüße Dich. 
In die eigentlichen Hallen der Frühromantik aber führt 
doch erst Friedrich von Hardenberg (Novalis). Denn ihn zuerst 
charakterisiert ganz jenes Vorherrschen der Phantasie und des 
Gemütes über die Analyse und den Verstand, das selbst die 
Kritik gemütsreich gestaltet: keine Spur mehr der poetischen 
Empirie des Klassizismus, der Reflexion, der Naivität im 
Sinne Goethes und Schillers: die Deduktion siegt, es siegt 
das Herz und die volle, die sentimentale Empfindung. Und 
aus alledem heraus tritt dann eine selbsterträumte und selbst⸗ 
erahndete Welt, das dichterische Gegenstück des Fichteschen 
philosophischen Gedankens. Zur Erscheinung gelangt damit, 
was der alternde Goethe eine Poesie ohne Tropen genannt 
hat: denn der Dichter gibt nur sich, und seine Dichtung ist 
nichts denn das Bild seiner Seele. 
Dabei erscheint diese Poesie, wie sie bei Novalis zuerst empor⸗ 
quillt, aber doch typisch ist für die Mehrzahl der Dichter, von 
einer tiefen Melancholie erfüllt: denn sie ist der Ausdruck des 
Unerreicht⸗Unerreichbaren, der Bronn tiefen Sehnens nach 
einem Unbewußten, Unsäglichen, Jenseits-Fremden. Novalis 
insbesondere aber bezaubert, weil bei ihm dies Sehnen noch 
einfache, ungekünstelte, aus den Grundanlagen seiner Seele
	        
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